~ Genau so, nur anders ~

~ Genau so, nur anders ~

Ich hatte eine Idee – für meinen Blog.

Ich wollte unbedingt wieder schreiben.

Die Texte und Worte türmen sich in meinem sommerüberhitzten Hirn, so dass ich gar nicht hinterher kam sie in mein Notizbuch zu kritzeln.

Nun stolpere ich aber gerade wieder über meine eigenen Füße, indem ich mir die Frage stelle:

Warum Frau Schmidt? Warum willst nun ausgerechnet auch Du noch die Welt mit Deinen geistig-mentalen Ergüssen beglücken (oder auch nicht beglücken)?

Momentan fühle ich mich dermaßen erschlagen von all der Informationsflut, die ja nun zwangsläufig mit den aktuellen Ereignissen im Land und in der Welt einhergeht, dass es mich fast schon lähmt.

Daran schließt sich sofort die Frage an, ob ich denn bei dem, was mich ja eigentlich so aufregt, nun auch noch mitspielen will. Aber das trifft es eben nicht ganz.

Die Tage las ich bei einem Facebook-Freund einen sehr treffenden Text zum Thema Individualismus und Einzigartigkeit.

Zwei Attribute, über welche sich stundenlang wunderbar philosophieren lässt.

In besagtem Text heißt es, dass uns, unseren Kindern, meiner Meinung nach vor allem aber Jugendlichen und jungen Erwachsenen permanent eingebläut wird, wie unglaublich besonders und individuell sie seien. (Lest bei Michael Langheinrich, sehr erfrischend der Typ)

Ich meine:

Natürlich ist JEDES Kind besonders und ein Wunder für sich und jeder Mensch ist einzigartig auf seine Weise.

Allerdings ist es für mich eine sehr schmale Gratwanderung zwischen der Ausprägung einer gesunden Individuation und eines ichbezogenen, behilikopterten Kindes/Jugendlichen, welches unter permanenten und ja, eben vor allem über die sozialen Medien verbreiteten Nur-DU-bist-wichtig-und-besonders-Einfluss steht und dadurch leider auch Gefahr läuft, sich zu einem egogesteuerten Narzissten zu entwickeln.

Ich bin natürlich keine studierte Psychologin, glaube aber, dass genau dort auch der Knackpunkt in der Selbstfindungsphase vieler Kids liegt.

Ihnen wird permanent suggeriert, dass alles irgendwie crazy und sensationell sein muss: das Outfit das sie tragen, die Technik die sie nutzen, die Musik die sie hören, die Partys die sie feiern, ja im Endeffekt sie selbst in ihrer Kompletterscheinung.

Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass sich die Zahlen derer, die sich ihrer Geschlechtsidentität und ihrer sexuellen Orientierung gegenüber unsicher sind, in den letzten Jahren massiv gesteigert hat.
Ich habe Menschen getroffen, die es trendy fanden, nicht ausschließlich hetero (oder ausschließlich männlich/weiblich) zu sein.
Eben weil es so besonders ist. Und hetero ist normal und normal ist langweilig und langweilig bist Du out. Und out sein willst Du nicht, nicht in diesem Alter.
Ein Teufelskreis wie es scheint.

Hinzu kommt die Tatsache, dass im Jahre 2021 alles ständig und sofort und überall und vor allem im ÜBERangebot verfügbar ist: Essen, Trinken, Alkohol, Sex, Medien, TV, Streamingplattformen, 24h Services aller Art – einfach alles.
Wir stehen unter einem digitalen Dauerbeschuss, für den uns an keiner Stelle beigebracht wurde, ihn vernünftig regulieren zu können.
Den Kindern versuchen wir mit wlanfreien Zeiten ein wenig Kontrolle aufzuzwingen, was kaum Sinn macht, da die Überflutung an Entertainment nicht zwangsläufig ans Internet gebunden ist.

Das alles beinhaltet zudem auch ein entsprechendes sich-zeigen-wollen, hat doch dieses ganze besonders-sein nur dann richtig Sinn, wenn ich andere auch daran teilhaben lassen kann.

Was zu Facebook Anfängen tatsächlich noch schön und besonders war, wie z.B. wenn die beste Freundin eine Asien Rundreise gemacht und herrliche Fotos von Tempeln und Landschaften gepostet hat, ist leider mittlerweile zu einem müden Abklatsch der täglichen Ereignisse unserer Leben verkommen.

Unser Leben ist statusbestimmt.

Alles ist Status – unser Auto, unser Job, unser Outfit, unser Haus, unsere Figur, unser Lebensstil, unsere gesellschaftspolitische Meinung.

Nichts ist mehr privat, alles wird statuisiert.

Alles ist besonders, aber nicht weil es in seinem innersten Kern und Wesen besonders und einzigartig ist, sondern weil damit etwas aufgewertet und hochgepusht werden und Aufmerksamkeit auf sich ziehen soll, woran dann wiederum gern der eigene (Selbst-)wert gemessen wird.
Eine gemeine Sackgasse wie ich finde.

Es scheint keinen Platz mehr zu geben für Alltäglichkeiten, für die kleinen, scheinbar unbedeutenden Dinge, für die Zwischentöne und Banalitäten.

Sie verblassen, weil wir sie in der Flut von alles-ist-Sensation nicht mehr erkennen können.

Weil wir manchmal überhaupt nicht mehr die Möglichkeit haben sie zu erkennen, so geblendet wie wir sind von Smalltalk, Übertreibung, Untertreibung und nichtssagenden Worthülsen auf allen Ebenen.

Alles wird geteilt, ich fühle mich manchmal regelrecht belästigt von den Offenbarungen in Bild- und Textform.

Und wahrscheinlich belästige auch ich meine Mitmenschen mit meinen Offenbarungen, denn auch ich bin diesem Wahn -zumindest punktuell- erlegen, Menschen medial an meinem Leben teilhaben zu lassen.

Und genau da bin ich wieder bei meiner Eingangsfrage, die ich mir selbst stelle:

Warum schreiben? Warum Texte veröffentlichen? Warum genügt es mir nicht, es nur für mich in meinem stillen Kämmerlein zu tun?

Liegt diesem Bedürfnis mein Lebenstraum zugrunde, den ich mir habe in frühen Jugendjahren nehmen lassen? Den ich mir selbst genommen habe?

Ich suche Antworten.

Sendungsbewusstsein und/oder Missionierung ist es schonmal nicht, bin ich doch eine große Verfechterin der Philosophie: Jeder hat seine eigene Wahrheit und diese steht einem jeden absolut zu.

Besonders bewusst wird mir das beim Lesen diverser Post`s in den Medien zum aktuellen Impfthema.

Etwas, was mir wirklich Kotzkrämpfe verursacht, ist die Annahme, sich mit seiner eigenen Wahrheit über andere erheben zu dürfen und den moralischen Zeigefinger offensichtlich, aber eben vor allem auch sehr subtil zum Einsatz zu bringen.

Übrigens in BEIDE Richtungen (Impfgegner/Impfbefürworter)

Es ist so bitter zu beobachten, wie Menschen sich anmaßen, andere darüber belehren zu wollen, was gut und richtig zu sein hat. Und alles unter dem Schutzmantel der Informations- und Meinungsfreiheit.

Nur ganz Wenige schaffen es tatsächlich, objektiv und nahezu wertfrei Ihre Wahrheit zu vertreten und über sie zu schreiben, ohne dabei Ihren Mitmenschen bewusst oder unbewusst an die Kehle zu springen.

Von kommunikativen Höflichkeits- und Umgangsformen will ich gar nicht reden.

Fazit:

Ja, ich will schreiben.

Ja, ich will es mit anderen teilen.

Ja, ich will mir dadurch wenigstens ein Stück meines Lebenstraumes erhalten.

Nein, es geht mir nicht um Bauchpinselei, was ich schreibe muss nicht jedem gefallen, muss nicht von allen gelesen werden.

Nein, ich bin weder Missionarin, noch steht mir der Sinn danach, Menschen meine Meinung aufzuzwingen oder mich zu erklären. Ich schreibe aus reiner Freude am Schreiben.

Nein, ich schreibe nicht über gesellschaftspolitische Themen (das tun genug andere), ich schreibe nicht über die Pandemie, egal in welchem Zusammenhang, was die Impfdebatte selbstverständlich einschließt.

Nein, ich nehme in meinen Texten weder Frau Baerbock, noch Herrn Laschet, noch Herrn Söder oder wem auch immer auseinander, weder ironisch, noch moralisch, noch beleidigend oder verachtend. Ich muss nicht jeden dieser Personen mögen. Ich muss auch nicht gut finden, was sie tun oder auch nicht tun, ich habe sogar die Freiheit es richtig Scheiße zu finden.

ABER:

Es steht mir schlicht und ergreifend nicht zu, Menschen, egal in welcher Position sie sich befinden, sarkastisch und wichtigtuerisch im Netz zu verunglimpfen und sie durch den Kakao zu ziehen.

Nein, meine Worte sind nicht das Maß aller Dinge, aber sie sind mein Maß, an welchem ich mich orientiere und über die ich mein Empfinden und meine Gedanken zum Ausdruck bringen mag.

Sprache ist das Element, in dem ich mich zuhause fühle, was mich belebt, inspiriert und begeistert.

Worte können beflügeln, motivieren, aufrütteln, ermutigen, trösten, beleben, anregen, verändern.

Worte sind so machtvoll, deshalb können sie auch provozieren, im schlimmsten Fall sogar verletzen oder anderen schaden.

Ich bewundere Menschen, die die Kunst beherrschen, mit Worten so umzugehen, dass es ein Genuss ist, sie zu lesen.

Für mich reines Lebenselixier, noch vor einem guten Kaffee und tollem Sex.

Deshalb schreibe ich, ohne Anspruch auf Vollkommenheit oder Perfektion.

Ich schreibe. Punkt.

(c) Foto gefunden bei Pinterest

 

 

 

 


2 thoughts on “~ Genau so, nur anders ~”

  • 1
    Hans-Joachim Rietdorff am 19. Juli 2021 Antworten

    Das ist sehr pragmatisch und gezielt auf den Punkt gebracht.
    So, wie hier von Ihnen wunderbar definiert, möchte ich auch im Netz schreiben und, ja, mich dadurch auch reflektiert sehen.
    Das Philosophische erscheint uns erst beim Schreiben, vorher darüber nachzudenken, ist müßig.
    Gedanken fliegen, sie warten nicht darauf, benutzt zu werden…

    • 2
      Frau Schmidt am 20. Juli 2021 Antworten

      Hans-Joachim, vielen Dank für den schönen Kommentar. Es freut mich, dass meine Worte so gut ankommen und vielleicht sogar zum eigenen Schreiben inspirieren. Herzliche Grüße!

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