~ Diskrepanzen ~

03. Februar 2021 Texte 2
~ Diskrepanzen ~

Wenn ich heutzutage durch die sozialen Medien scrolle bin ich einerseits schockiert, zwischendrin belustigt, ganz oft sitz ich kopfschüttelnd vor meinen SmartGeräten und überlege, ob ich lachen, heulen oder schreien soll.
Ich wusste nicht, dass wir in Deutschland so viele Experten haben – bei dem Aufgebot müsste die Krise schon längst bewältigt sein.
Diskussionen über Sinn und/oder Unsinn von Maßnahmen, über Regeln, Tests, Impfungen, Ausgangssperren, politische Entscheidungen, Verschwörungstheorien in alle möglichen Richtungen
(mir wird schlecht, wenn ich lese, was für krude Geschichten da draußen rumGEISTERN).
All das hilft uns nicht, bringt uns kein Stück weiter.
Menschen teilen unreflektiert den größten Blödsinn irgendwelcher Onlineplattformen oder Klatschblätter, die BILD Zeitung ist da gerade ein sanftes Lämmchen dagegen.
Gerade Menschen, welche wenig bis gar keinen beruflichen Bezug zu wirtschaftlichem Unternehmertum, Medizin oder Politik haben, posten und lamentieren drauf los, als gäbe es kein Morgen.
In meinem privaten Umfeld gibt es nur eine einzige Person, welche gründlichst recherchiert, Quellenforschung betreibt und sich eingehend mit Studien und wissenschaftlichen Analysen zu bestimmten Themen befasst.
Diese Person wiederum tut dies dann aber nicht großspurig und lehrmeisterhaft auf Facebook & Co. kund.
Das schätze ich so an ihr.
Und genau für mich ist das der Punkt, an dem ich immer wieder meisterhaft scheitere und mich frage, ob es denn wirklich nötig ist, dass auch ich noch meinen Senf hier dazu gebe.
Ich bin weder Virologe, noch Arzt, noch nicht einmal fertige Krankenschwester, bin kein Unternehmensberater und kein Politiker.
Ja, ich habe einen Kopf zum selber Denken.
Ich fühle mich nicht als Marionette der Regierung (oder irgendwelcher schwarzmagischer Zirkel – sorry, ein wenig Sarkasmus kann ich mir nicht verkneifen)
ABER: ich maße mir nicht an, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und genau zu wissen, was, wie und wann in dieser außerordentlichen Situation in einem Land zu tun oder zu lassen ist.
Genaugenommen bin ich sogar froh darüber, dies nicht zu müssen.
Keine Entscheidungen für Millionen Menschen zu treffen, für das Scheitern ihrer wirtschaftlichen Existenz verantwortlich zu sein. Persönlich kenne ich Menschen, deren weitere berufliche Existenz massivst bedroht ist, allen voran mein eigener Lebensgefährte. Ich bekomme jeden Tag bis ins Detail mit, wie er ums Überleben seiner Firma kämpft.
Das ist nicht witzig, im Gegenteil.
Oft macht es mir eine Scheiß Angst.
Auch wir sind nicht mit allem einverstanden, auch wir rennen dem Geld hinterher, den versprochenen staatlichen Hilfen.
Alles nichts Neues.
Auch wir sind genervt vom scheinbaren Dauer-Lockdown, davon, dass infolgedessen die Aufträge bis auf ein Minimum wegbrechen, davon, dass das pubertäre Kind nicht zur Schule gehen kann, dass wir alles, was wir außer Lebensmitteln brauchen, im Internet bestellen und somit die Zustelldienste belasten müssen.
Aber wir wissen auch, dass wir uns das Leben nicht leichter machen, wenn wir jeden Tag gequirlten Bullshit und unreflektierte Halbwahrheiten im Netz schon zum Frühstückskaffee inhalieren.
Sich über Politiker, Mediziner, Virologen lustig zu machen und über Mißstände aufzuregen, OHNE einen Vorschlag/Idee zu bringen, wie es besser/schneller/leichter gehen könnte – halte ich für äußerst dumm.
Genaugenommen sind wir doch alle froh, nicht an der Spitze zu sitzen und Entscheidungen treffen zu müssen, oder?
Ich steh dazu, dass ich weder Ahnung, noch einen Plan habe, wie diese Misere in Griff zu kriegen ist.
Mit Lamentiererei und Besserwisserei, Verschwörungsgefasel und dummen Witzeleien jedenfalls nicht.
Soviel ist schonmal klar.
Nein – ich habe keine Idee.
Nein – ich habe vor allem auch keine Ahnung, weder von Politik, noch von der Gefährlichkeit mutierender Viren und deren Auswirkung auf unsere Gesundheit.
Ja – ich vertraue trotz allem den Verantwortlichen in diesem Land, dass sie das halbwegs Richtige tun, denn ich wüsste es definitiv nicht besser, geschweige möchte ich diese riesige Verantwortung für ein komplettes Volk und die Staatsverschuldung für die nächsten Jahrzehnte tragen.
Ich weiß nur, ich bin es leid, jeden Tag diesem BullshitBingo im Netz beizuwohnen.
Mein Freund sagt an der Stelle immer: „Dann lösch doch Deinen Account, dann musste Dir das nicht mehr antun“
Aber wie alles zwei Seiten hat, ist es auch mit den sozialen Netzwerken so.
Ich habe hier Kontakte und Gruppen, mit denen ich mich sehr verbunden fühle und die ich nicht missen möchte.
Wer das eine will, muss das andere mögen – dieser Satz bekommt hier einen ganz neuen Stellenwert wie es scheint.
Frau Schmidt mag schließlich auch nicht jeder – ich polarisiere, seit ich begonnen habe diesen Blog zu schreiben.
Und da sind wir genau an dem Punkt, der es mir momentan so schwer macht zu schreiben.
Nicht die Tatsache, dass die Leute über mich den Kopf schütteln, bei dem was ich von mir gebe.
Damit muss jede/r leben, die/der einen öffentlichen Blog betreibt und die Menschen mit ihren/seinen geistigen Ergüssen beglückt.
Mein Problem ist vielmehr, dass ich mich nun auch noch einreihe in die Schlange derer, die jeden Tag ihren Senf zur aktuellen Situation in diesem Land dazugeben.
Damit hab ich echt zu tun, das ist der Grund, warum ich mich derzeit so schwer tue mit der Schreiberei.
Ich habe das Gefühl, es geht kein Text ohne den Bezug zu C., jedes Statement, jeder Artikel und ist er auch noch so seriös, ist eingefärbt von der aktuellen Lage.
Mich persönlich nervt das ziemlich.
Und genau das ist die Diskrepanz, welche mich quält.
Bevor Fragen aufkommen – Nein, auch dafür habe ich keine Lösung.

 

(C) Photo by Pinterest

 


2 thoughts on “~ Diskrepanzen ~”

  • 1
    Helga am 4. Februar 2021 Antworten

    Liebe Marit,
    danke dafür, dass Du das alles in Worte gefasst hast. Worte, die mir momentan völlig abgehen. Was soll man auf den ganzen Mist noch sagen, der einem tagtäglich um die Ohren gehauen wird!
    Lieben Gruß und ein Drückerle…
    Helga

  • 2
    Erika Friske am 6. Februar 2021 Antworten

    Wundervoll auf den Punkt gebracht. Es ist super formuliert. Meine Hochachtung!

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