~ Lass mehr Meer in Dein Leben ~

~ Lass mehr Meer in Dein Leben ~

Meer
von Erich Fried

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen nur Meer
Nur Meer

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Da sitz ich nun tiefenentspannt hier und was verlässt mich als erstes – die Inspiration.
Als würde der Wind, der gerade so herrlich das Meer aufmischt, jeden überflüssigen Gedanken mitnehmen und auf den Schaumkronen der Wellen genüsslich zerplatzen lassen.
Jeder kleine Anflug einer SchreibIdee rieselt wie feiner weißer Strandsand durch die Finger und verliert sich zwischen Muscheln, Möwengeschrei, trockenem Seetang und weggeworfenen Zigarettenkippen (nicht meine!)
So lasse ich es einfach gut sein und halte es wie Erich Fried in seinem Gedicht: nur den salzigen Wind einatmen und ausatmen und wieder einatmen…
Ich lass mich treiben durch die lang vermissten Sommertage am Meer, die längst verstaubte Erinnerungen zutage fördern.
An die Großeltern, die mich schon als Kleinkind jedes Jahr an genau diesen Ort hier mitnahmen.
Ich kann noch immer den Geruch der Sonnenmilch erahnen, leicht nach Marzipan duftend – oder war es Kokos? – aus einer orangefarbenen, runden Flasche mit weißem Verschluss.
Damals war  ja das Angebot solcher Art Kosmetika überschaubar und wir haben die Sommer trotzdem überlebt.
Ich erinnere mich noch an den grün-gelb gestreiften Windschutz aus Stoff, vom Opa selbst gefertigt.
Ich erinnere mich an seine weißen Füße, weil er am ersten Strandtag zwar seine Badehose anhatte, aber darauf verzichtete, sich seiner Socken und Sandalen zu entledigen.
Und auch jetzt noch, 43 Jahre später, ist es immer wieder wie ein innerer Reflex, nach jeder Muschel im Sand zu greifen und sie einzusammeln, obwohl zuhause schon einige Exemplare davon liegen.
Es ist wie ein lustvoller Zwang, gegen den ich mich hier am Strand auf dem Darß nicht wehren kann.
Und warum auch? Es gehört zu den Dingen die frau am Meer so tut: in der Sonne liegen, tagträumen, lesen, den tanzenden Wellen mit den Menschen darin zuschauen und Muscheln sammeln.
Heute bin ich besonders glücklich.
Nach einigen Jahren ohne ihn, begleitet mich wieder mein erwachsener Sohn für ein paar Tage in den Urlaub.
Es macht ihm nichts aus mit seiner seltsamen Mutter, die den ganzen Tag kaffeetrinkend liest und schreibt, am Strand rumzuliegen.
Ich beobachte ihn so gern, wie er sich in die Wellen stürzt, er hat sich mit der Liebe zu diesem Ort von mir anstecken lassen.
Fast jedes Jahr war ich mit ihm hier, als er Kind war.
Ich finde es herrlich zu sehen, wie er mit dem hübschen Mädchen flirtet, die auf dem dickbereiften Buggy zwischen Sandburgen und Strandmuscheln unterwegs ist und Kaffee, Bier und Eis verkauft.
„Möchtest Du noch einen Kaffee, Mom? Ich hol mir auch noch was.“
Klar, immer gern.
Und auch ich selbst stürze mich genüsslich in die Fluten, lass mich von den Wellen wiegen, vom salzigen Wasser die Haut verwöhnen und vom Wind den Kopf sorgenfrei pusten.
Es gelingt tatsächlich – das Abschalten und ganz bei mir sein.
Hatte ich lange nicht.
Ich werde es noch einige Tage zelebrieren und mich von der Magie der lichten Sommertage am Meer verzaubern lassen.

Bis nächsten Montag!

(C) Photo by myself


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