~Von leisen Tönen, Kaffeebohnen und Liebesbriefen~

16. Juli 2017 Texte 1
~Von leisen Tönen, Kaffeebohnen und Liebesbriefen~

Gern würde ich mal etwas richtig Tiefsinniges schreiben.
Etwas, das berührt,
etwas, das Spuren hinterlässt beim Leser.
Nichts, was sich mit Bildern von Straßenschlachten oder brennenden
Bussen die Aufmerksamkeit sichern muss.

Nein, eher die leisen Töne möchte ich anschlagen,
die milden und subtilen,
die ruhigen und zarten.
Das Erschreckende ist, dass ich sie kaum noch wahrnehme –
die leisen Töne, die sanften Stimmen, die behutsamen Augenblicke,
die Momente, die dich spüren lassen,
Du bist da, Du bist hier, Du lebst, Du atmest…

Diese unsagbare Müdigkeit ist überwältigend.
Die Abgeschlagenheit fordert jeden Tag mehr.
Die Hornhaut auf der Seele und auf dem Gemüt
wird immer dicker.
Und da wir in einer Zeit und Gesellschaft leben,
in der Pausen eben nicht dann gemacht werden,
wenn sie nötig sind und der Körper danach schreit,
sondern dann, wenn sie vorgeschrieben sind oder
die Gesundheit streikt,
halte auch ich durch bis
der nächste freie Tag in Aussicht steht.

Jammern ist nicht meine Sache,
ich bin nur immer wieder erstaunt,
wie viel wir uns aufbürden, was wir uns alles antun
um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein.
Gutfunktionierende Marionetten
gefangen in den unterschiedlichsten Abhängigkeiten.
Sklaven unserer Zeit.
Auch ich.

Wir arbeiten wie die verrückten,
oft nur, um unsere teuren Wohnungen
und großen Autos bezahlen zu können.
Wir glauben, in Zeiten von Digitalisierung,
Globalisierung und um es mal umgangssprachlich zu formulieren:
höher, schneller, weiter,
würden wir so viel Zeit einsparen, weil wir ja alles online
und sogar von unterwegs und ganz nebenbei erledigen können.
Dabei ist es genau das, was uns das seelische Genick bricht:
Alles passiert nebenbei, alles geht schnell, schnell –
immer sind wir auf dem Sprung, um zum nächsten Termin,
zur nächsten Verabredung, zur nächsten Schicht zu hetzen.
Wir nutzen die „eingesparte“ Zeit nicht für Muße, Ruhe und zum Nichtstun.
Nein, wir nutzen sie, um noch mehr zu erledigen,
noch mehr zu arbeiten,
uns noch mehr zu verausgaben.
Es soll Menschen geben
die gnadenlos damit überfordert sind,
wenn sie zwei Wochen Urlaub haben
und sich plötzlich mit ihrem Partner und den
eventuell vorhandenen Kindern konfrontiert sehen.
Ich habe Sätze gehört wie:
„Was wollen Kinder mit 6 Wochen Ferien,
die wissen doch gar nichts mit sich anzufangen während der ganzen Zeit“
Und genau mit dieser Ansicht, züchten wir uns schon jetzt
die nächsten Generationen
gehorsamer
sich ausschließlich über die Arbeit definierender
Roboter heran.
Unfähig, die eigenen körperlichen und psychischen Grenzen wahrzunehmen
oder diesen die nötige Beachtung zu schenken.
Arbeitskraft als Währung – und alle machen mit.
Auch ich.

Nein
ich habe keine Lösung,
keine weisen Worte
oder schöne Kalendersprüche
die ich Euch ungefragt um die Ohren hauen will.
Die Regale in den Buchläden sind voll
mit den verschiedensten Ratgebern
zum Thema Entschleunigung,
Slow Living,
Aussteigen auf Zeit…
Jeder hat da so seine
eigene Methode
wie er dem Alltagsstress entflieht.
Das Warten auf den jährlichen Sommerurlaub
kann es allerdings meiner Meinung nach nicht sein.
Jedenfalls nicht nur.
All unsere Erwartungen an den perfekten Urlaub
packen wir in diese zwei Wochen
und wundern uns dann
wenn der gewünschte Effekt nicht eintritt.

 

Und wie macht es Frau Schmidt?
Sie kneift die Arschbacken zusammen
und macht einfach weiter.
Nervt ihre Mitmenschen gelegentlich
mit ihrer stimmungselastischen Laune,
ja, sie fordert ihnen Einiges an Verständnis,
Geduld und starken Nerven ab.
Sie entledigt sich ihres Therapeuten,
der zwar ein guter Psychologe und Arzt ist,
dessen Ansichten bezüglich der Prioritätenverteilung
im Leben sich aber nur temporär
mit ihren überschneiden und demnach einer
sinnvollen Strukturierung der relevanten Themen im Wege stehen.
Und irgendwie ist doch letztenendes das Leben selbst der beste Therapeut.
Sie akzeptiert (wenn auch meist nur widerwillig),
dass das Leben ist wie es ist,
dass man nur selten Menschen und Umstände ändern kann,
schon gar nicht zu seinen eigenen Gunsten,
dass ein großer Umzug vom Land in die Großstadt
nun mal das ist, was er ist:
ein großer Umzug nämlich,
der nicht innerhalb von 48 Stunden erledigt ist
und es seine Zeit braucht,
bis alles wieder seinen Platz gefunden hat.
Sie weiß auch, dass sie mit sich selbst
geduldiger und nachsichtiger sein muss,
sie weiß, dass auch die Seele ihre Zeit braucht
am neuen Ort anzukommen.
Sie weiß, dass es immer irgendwie weiter geht,
egal wie anstrengend sich gerade alles anfühlt,
egal wie groß das Schlafdefizit ist,
es kommt der Tag, an dem sie wieder frisch und erholt
morgens aus dem Bett springt und die Welt retten will.
Auch sie wartet und freut sich auf ihren zweiwöchigen Urlaub im November
am Meer, mit viel Wind, gerne neblig und kalt, mit endlos
langen Strandspaziergängen.
Danach heißen, schwarzen Tee.
Im Gepäck all die ungelesenen Bücher,
die darauf warten verschlungen zu werden.

Ein gutes Stichwort –

Heut Morgen, es ist Sonntag,
klingelt der Wecker fünf Uhr fünfzehn
– ich erinnere, auch ich gehöre zu den Verrückten,
die sonntags arbeiten gehen, um Wohnung
und neues Auto bezahlen zu können,
welches mich wiederum täglich
zur Arbeit bringt damit ich mir
all die Dinge leisten kann,
über deren Sinnhaftigkeit sich streiten lässt,
und vor allem, um ein
vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein
und so weiter und so fort –
Es war jedenfalls sehr früh
viel zu früh für einen Sonntag.
Halb blind vor Müdigkeit
suche ich die Kaffeebohnen.
Ein positiver Nebeneffekt des selbst Mahlens ist,
dass die elektrische Kaffeemühle so viel Lärm macht,
dass sie einen davor bewahrt,
im Stehen wieder einzuschlafen.
Außerdem wirkt der Duft von frisch gemahlenem
Kaffee wie eine Droge auf meine Synapsen,
sie beginnen, wenn auch nur langsam, ihren Dienst zu tun.
Zwischen Kaffeebohnen, Toast und Käse,
während der hektischen Vorbereitung
auf den Tag, den ich im Büro verbringen werde,
finde ich einen Brief,
einen handgeschriebenen
Brief.
Für einen Moment halte ich inne,
vergesse die Müdigkeit,
den Stress,
die viele Arbeit die wir haben,
vergesse all die kleinen und großen
Herausforderungen der letzten Wochen
und lasse mich berühren
von den Worten und Sätzen
die alleine mir zugedacht sind.
Sie sind voller Liebe und Wärme.
Und wieder wird mir bewusst,
wie gut es das Leben gerade mit mir meint.
Fern ab von rosaroter Brille und
hormoneller Verstrahlung,
werde ich geliebt.
Ich werde geliebt um meiner selbst Willen,
für das, was ich bin, und vor allem
GENAU SO wie ich bin.

Und da ist er wieder,
dieser Augenblick der
all die Strapazen der letzten Wochen
verblassen lässt.

So ein Moment in dem ich spüre
ich bin da, ich bin hier, ich lebe, ich atme…

(C) Photo by Pinterest


1 thought on “~Von leisen Tönen, Kaffeebohnen und Liebesbriefen~”

  • 1
    Kate am 24. Juli 2017 Antworten

    So treffend und so wunderbar geschrieben… ich muss gestehen ich entschleunigen schon und jetzt wo ich es gelesen habe meine Liebe Frau Schmidt, setze ich mich bewusst mal mehr hin und übe mich im Nichtstun.
    Und Danke meine Liebe, denn das frühe aufstehen hat sich die letzten Tage echt gelohnt, denn ich freue mich auch dich zu sehen.

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