~ Der Zauber liegt dazwischen ~

~ Der Zauber liegt dazwischen ~

Von Sonnenaufgängen krieg ich einfach nie genug.
Und von Sonnenuntergängen erst recht nicht, weil die so lange nachwabern in der abendlichen Gelassenheit.
Ich krieg auch nie genug von Morgennebel, am liebsten im Wald mit ausschließlich natürlicher Geräuschkulisse.
Oder in der Lewitz, ganz früh in der Dämmerung im September, wenn die Sonnenstrahlen durch das Nebeltreiben hindurchbröseln und sich die Hengste auf den Koppeln ihre Kämpfe liefern.
Und wenn ich am Meer sitze und die Sonne ihr Gold wie flüssiges, warmes Karamell ins Meer kippt, könnt ich schon bissel heulen.
Weil das die Momente sind, in denen ich eine Ahnung von Ewigkeit spüre und die Welt um mich herum ganz klein und unbedeutend wird.

Und ohne Kaffee läuft gar nichts, also ohne GUTEN Kaffee, mittlerweile nur noch handgefiltert.
Für schlechten Kaffee hab ich einfach keinen Nerv mehr.
Der Leipziger trinkt Krümelkaffee, den billigsten, aus dem Penny.
Kann sich das einer vorstellen?
Ihm reicht das, mir nicht.
Niemals.
Bei Kaffee bin ich eigen.
Sehr, sehr eigen!
Den ersten trinke ich morgens im Bett. Immer!
Es sei denn ich fang schon sieben Uhr an zu arbeiten,
dann trink ich ihn noch halbtot am Schreibtisch,
versuche ihn nicht in die Tastatur zu kippen
und irgendwie mit mir und der Welt klarzukommen.
Ich bin kein Morgenmuffel,
aber mich vor dem ersten Kaffee anzusprechen oder anzuspringen (wie mein Hund das gerne tut) ist eine ganz blöde Idee!
Der Leipziger weiß das, deshalb lässt auch er mich in Ruhe meinen Kaffee im Bett genießen.

Ohne Gelaber und Gedöns.
So lieb ich das.

Bücher.
Ohne Bücher ist das Leben sinn- und freudlos.
Für mich in jedem Fall.
Die Begeisterung dafür ist mir schon mit meinem Vornamen in die Wiege gelegt worden, meine Eltern benannten mich nach einem Roman.
Mit der Frau, von der dieses Buch handelt, habe ich zwar wenig gemeinsam, wahrscheinlich wünschte sich meine Mutter insgeheim, dass ich so werden möge wie die Protagonistin – eine aufopferungsvolle, fromme Christin, die sich und ihre fünf Kinder alleine durchbringt – mit Gottes Hilfe versteht sich.
Nun, das wäre dann gründlich ins Gegenteil umgeschlagen, aber davon vielleicht ein anderes Mal.
Für diesen Roman also keine Leseempfehlung, für meinen Vornamen allerdings bin ich meinen Eltern wirklich dankbar.
Auch wenn es als Kind für mich schwierig war mit einem so seltenen Namen.
Aber Bücher sind meine Leidenschaft geblieben.
Lange träumte ich davon mein eigenes zu schreiben.

Schreiben.
Ohne, vor allem mit der Hand, zu schreiben kann ich einfach nicht.
Ich bin ständig am irgendwas notieren – Sätze, die ich im Radio höre und die bei mir hängenbleiben.
Zitate, die ich aufschnappe.
Ganze Abschnitte aus Büchern, welche ich nur geliehen habe, werden abgeschrieben.
Zeilen aus einem Song oder einem Gedicht.
Und natürlich das, was mir durch mein Hirn schleicht im alltäglichen Tun und Sein.
Natürlich schreibe ich meine BlogTexte am Laptop, aber echtes Papier und alle möglichen Arten und Formen an Bleistiften, Kugelschreibern und Füllern wird es bei mir immer geben.

Ich kriege nie genug von der Schönheit, die im Detail liegt.
Von der zarten Feinheit mancher Augenblicke, die so winzig erscheinen, mir aber manchmal einen echt beschissenen Tag retten.
Letzte Woche habe ich im Regen in meinem Blumenbeet gehockt und die Weinbergschnecken beobachtet. Nicht nur dass mich diese faszinierenden Geschöpfe an meine geliebte Oma erinnern, sie haben auch einfach eine extrem beruhigende Wirkung auf mein Gemüt, wenn ich von allem und jedem genervt bin und das Bedürfnis habe, aus der Zeit und der Welt springen zu wollen, deren skurrile Auswüchse mir derzeit wirklich zu schaffen machen.
Unter anderem deshalb zelebriere ich Ästhetik und Schönheit in allem was mir unter die Hände und Augen kommt.
Das Frühstückstablett für Schreibtisch oder Bett, je nach Wochentag.
Der Blumenstrauß aus dem Garten.
Das Päckchen mit den kleinen Kostbarkeiten für die Freundin.
Die auf Fensterbrettern und Regalen arrangierten Erinnerungsstücke und Fotos von den SchokoladenMomenten des Lebens.
Mein Freund ist immer wieder fasziniert von meinem absoluten Bedürfnis nach Ausgeglichenheit zwischen dem Alltäglichen und dem Besonderen, oder wie er es sagt, von meiner Fähigkeit alles Alltägliche, Banale, Normale in etwas einzigartig-außergewöhnliches zu verwandeln.
Was schon insofern faszinierend ist, da unsere Auffassungen über die Prioritäten diesbezüglich mächtig miteinander kollidieren.
Er ist ein absolut genügsamer, instantkaffeetrinkender und zufriedener Pragmat, der sich nicht viel macht aus stilvoll abgestimmter Einrichtung und kulinarischer Genusskultur.
Bei dem der Tetrapack Milch auf dem Tisch steht, neben dem Besteck und Geschirr, was nicht zusammenpasst – ein Anblick der mir fast körperliche Schmerzen zufügt.
Wenn ich dann mit den Augen rolle, grinst er mich verschmitzt an.
Wir wissen beide, was wir aneinander haben, auch wenn wir so verschieden sind.
Vielleicht aber auch gerade deshalb.
Es gleicht sich aus, immer wieder.
Na und die Liebe füreinander steht da sowieso drüber.
Immer.
Und wenn mir sein Pragmatismus zu sehr auf die Nerven geht, fahre ich in mein ganz persönliches Refugium um mir selbst das angedeihen zu lassen, was für mich so absolut existenziell und wesentlich ist – in allem womit ich mich umgebe, das Schöne zu sehen, sein inneres Wesen zu erkennen und Genuss und Kultiviertheit zu zelebrieren.
Auch im Alltag.
Vor allem im Alltag.
Denn genau das ist es, was ich brauche, bei all den schrägen und befremdlichen Ereignissen, Diskussionen und Gebaren, welche mir aus meinem sozialen, medialen und allgemein-gesellschaftlichen Umfeld ganz oft ungefragt entgegenrotzt werden.
Da hilft nur lange schlafen, guter Kaffee, Kino und Kultur, die nächste KurzReise planen, in einen Buchladen gehen und sich selbst beschenken, alte Fotos anschauen, mit der Schwester oder Freundin oder Lieblingskollegin plaudern, Schnecken beobachten, Scones backen, Herman van Veen auf Vinyl hören, im Pyjama mit einem Glas LavendelLimonade in der Hand unter dem Sternenhimmel auf meinem Stadtbalkon sitzen und der Nacht lauschen und dankbar sein.
VOR ALLEM dankbar sein.
Ich bin es.
Für so vieles.
Meinen pragmatischen Freund, der jede einzelne meiner Neurosen liebt, für meinen zuckersüßen Hund, für den wunderschönen Mutter-Sohn-Urlaub an der geliebten Ostsee, für das innige Verhältnis zu meiner Schwester und die Vorfreude auf unseren NordseeTrip, für mein gemütliches und ureigenes WeiberNest in Dresden, dafür, dass ich so gelassen mit den ersten Spuren des Älterwerdens umgehen kann, dafür, dass ich mich immer besser ertrage und mir selbst nicht mehr soviel übel nehme, dafür dass ich endlich, endlich, endlich diesen ganzen verkackten DiätWahn hinter mir gelassen habe und seitdem meinen Körper ganz anders wahrnehme und noch einiges mehr.

Ich fühle mich ziemlich schnell gestresst und genervt – das weiß ich.
Ich bin sozial nicht mehr so kompatibel wie noch vor ein paar Jahren.
Ich bin extrem sensibel (und nein, ich werde nichts dagegen unternehmen).
Ich bin mega ungeduldig und schnell überfordert mit SmallTalk, Dummheit im Allgemeinen und auch im Besonderen – daher wirke ich auf den einen oder anderen mitunter arrogant und überheblich.

Aber hey, das Leben ist zu kurz und zu kostbar, um sich darüber Gedanken zu machen.
Deshalb: Genießt das Leben, genießt das Besondere im Alltäglichen, sucht danach wenn Ihr es nicht gleich erkennen könnt.
Und wenn es nur die Tasse guten Kaffees am Morgen ist an einem sonst miserablen Tag.
Oder der Kuss Eurer Liebsten oder Eures Kindes, das Lächeln eines Fremden auf der Straße, das Kompliment der Kollegin oder das Gefühl, sich spätabends ins frischbezogene, nach Meeresbrise duftende Bett zu verkriechen, die Decke über den Kopf zu ziehen und zu wissen:
Mir geht es gut, mir geht es wirklich gut.
Und einfach dankbar zu sein für all die schönen alltäglichen Kleinigkeiten, die dann zu etwas Besonderem werden, wenn es uns gelingt hinzusehen.
Wirklich hinzusehen.
Ungefiltert.
Statusbefreit.
Neugierig.
Dann entdecken wir den Zauber im Alltäglichen.

Eure Frau Schmidt

(c) Photo found on Pinterest

 


6 thoughts on “~ Der Zauber liegt dazwischen ~”

  • 1
    Diana am 9. August 2021 Antworten

    Meine allerliebste Frau Schmidt…. Du hast mir wieder einmal meine Woche versüßt und beim Lesen waren meine Gedanken frei und bei Dir…. Ich lese deine Worte und höre gleichzeitig deine Stimme dazu und beides macht zusammen macht mich immer wieder glücklich in dem Moment und lässt mich hoffen, dass ich auch irgendwann dorthin komme. Danke Danke Danke…. 😘😘😘

    • 2
      Frau Schmidt am 14. August 2021 Antworten

      Weißt Du meine liebe Diana, es gibt nur eine Handvoll Leute die mich lesen, aber genau für die schreibe ich 🙂 Es geht nicht um Ruhm und Ehre, sondern um genau das, was Du beschreibst: andere berühren und ihnen etwas geben, von dem, wovon ich glaube, dass es wert ist darüber zu reden (und zu schreiben) Danke für Deine zauberhaften Worte :-*

  • 3
    Elke Bartlau am 12. August 2021 Antworten

    Wunderbar. War voll dabei. Jetzt ist die Zeit uns Gutes zu tun. Gerade JETZT

    • 4
      Frau Schmidt am 14. August 2021 Antworten

      Liebe Elke, ich freue mich sehr, dass ich ganz kleine Spuren hinterlassen kann mit meinen Texten. Ich danke Dir für Deine Worte!

  • 5
    Beatrix am 17. März 2023 Antworten

    Lächelnd und schmunzelnd sitze ich vor dem PC und lese eine Frau, die mir in vielem ähnlich ist und wunderbar unterschiedlich. Auf jeden Fall spürt man dich zwischen den Zeilen und das führt dazu, dass man sich mal eben selbst wieder aufsammelt;) Danke

    • 6
      Frau Schmidt am 19. März 2023 Antworten

      Liebe Beatrix, Danke für Deine Worte. habe erst jetzt Deinen Kommentar gesehen. Leider bin ich hier gerade nicht so aktiv. Um so mehr freut es mich, dass hin und wieder jemand meinen Blog entdeckt.
      Liebe Grüße

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