~Des Lebens Fülle~

27. Mai 2017 Texte 0
~Des Lebens Fülle~

Diese drei Worte
sind der Titel eines Romans,
der bei mir im Bücherregal steht.
Es geht um eine Frau,
die vom Leben
weder mit großem Glück,
noch mit überbordender Schönheit gesegnet wurde.
Die zwei Dinge,
die heutzutage für soviele
von uns auf der Favoritenliste des Lebens
um den ersten Platz konkurrieren.
Wenn Du Dich umschaust
und umhörst,
dann stellst Du fest,
das für so ziemlich jeden
die eigene „Schönheit“
und die der anderen
eine ausnehmend große Rolle spielt.
Auf TV-Formate
wie GNT
mit seiner berühmt-berüchtigten
Moderatorin,
möchte ich an der Stelle
gar nicht erst eingehen.
Auch wer sich diesen Bullshit
nicht antut,
wird an genug anderen Stellen
mit dem Schönheits- und Selbstoptimierungswahn
konfrontiert.
Jeder Spricht von Charakter,
von inneren Werten,
und dennoch unterliegen wir so oft dem optischen Eindruck
von dem wir uns auch ganz gern mal blenden lassen.
Nun, ich komme vom Thema ab,
warum bin ich überhaupt
so abgeschweift?
Die Protagonistin des Romans
hat ein entstelltes Gesicht
als Vierjährige verbrüht sie sich durch einen Topf
heißes Wasser das Gesicht,
die Schulter und einen Arm.
die Narben der schweren Verbrennungen machen sie zur Außenseiterin
in ihrer Gemeinde,
die Kinder rufen Hexe nach ihr.
Um in unserer so reichen, fortschrittlichen Zeit
zum Außenseiter zu werden,
braucht es nicht erst ein entstelltes Gesicht.
Es reicht, wenn einer anders ist.
Der verdreckte Obdachlose auf der Straße,
der Rollstuhlfahrer, der sein Bier auf dem Schoß spazieren fährt,
die Frau mit dem Kopftuch, eingemummt in schwarze Kleidung,
und das bei 33 Grad im Schatten,
die sechzehnjährige, der man ihr Übergewicht deutlich ansieht,
die aber trotzdem in gemusterten Leggins selbstbewußt durch die Straßen läuft.
Es gibt Tage, da erwischt mich meine eigene Arroganz eiskalt.
Dann denke ich, wie gut, dass Du so einen gutbezahlten Job hast,
Dir würde es nie passieren, auf der Straße zu landen.
Ist das wirklich so?
Du bist gesund, Du wirst nie zu den Ausortierten der Gesellschaft gehören,
um die sich ein Pflegedienst kümmern muss.
Ist das wirklich so?
Du bist in einem freien Land aufgewachsen, kannst als Frau sagen,
tun und lassen was Du willst, Dein Leben wird nicht von patriarchalen Tyrannen bestimmt.
Aber ist das wirklich so?
Wir glauben so gern und so oft,
das wir so furchtbar anders sind,
als die anderen.
Aber ist das wirklich so?
Kann nicht jeden von uns
von jetzt auf gleich
das Leben auch mal an der falschen Stelle erwischen
und uns komplett aus der Bahn werfen?
Uns unseren Job und somit die Bestätigung unseres Selbswertes kosten?
Unsere Gesundheit beeinträchtigen und dafür sorgen, dass wir auf die Unterstützung
anderer angewiesen sind?
Eine liebe Freundin prägte mal den Satz:
„Marit, Du bist doch nur zum Glück auf der Welt“
Und ja, nach langer Zeit des ständigen um-irgend-etwas-kämpfen-müssens,
nach Jahren der Doppelbelastung als alleinerziehende Mutter,
nach Zeiten der Selbstzweifel und des sich-selbst-zermarterns,
weil man sich ungewollt, nicht wertgeschätzt und falsch im eigenen Leben fühlt,
weil man für den einen oder die andere
lediglich die Option war, und nicht die Priorität –
nach all dieser Zeit schüttet das Leben den Goldkübel über mir aus
(übrigens auch ein Satz meiner Freundin, die es liebt in Bildern zu sprechen).
Nicht alles ist deswegen leicht, die alltäglichen Herausforderungen
werden nicht unbedingt weniger.
Aber eben genau das macht die ganze Fülle in ihrer Gänze aus.
Und auch wenn unser Gesicht und unser Herz
die ein oder andere Narbe trägt,
so können wir uns immer noch vom Leben berühren
und von seiner Unvorhersehbarkeit begeistern lassen.
Und genau das ist es was ich Euch und mir wünsche,
dass wir die Fähigkeit nicht verlieren,
in jedem, der uns begegnet,
das echte, ungeschminkte Leben leuchten sehen.
Wir alle haben mehr gemeinsam als wir glauben!

 

(C) Photo by Facebook


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