~Vertrauen, oder wie man trotzdem die Nerven behält~
Er ließ sich gut an der Freitag Morgen.
Zwölf freie, entspannte Tage hinter mir, noch eine komplette Woche Urlaub vor mir.
Ich bekam Lust, an die Ostsee zu fahren, ganz spontan.
Ostsee im Winter – ein Traum ohne Touristen und große Hitze.
Erstmal war ich an diesem Freitag auf dem Weg nach Dresden zu meiner Liebsten.
Noch schnell vollgetankt, einen Kaffee für unterwegs geholt, ein Hörbuch in den Player und los.
Ich fuhr durch die Stadt.
Den Fuß auf dem Gas.
Gas, Gas, Gas – wieso werde ich langsamer?
Warum schaltet mein guter, alter VW nicht mehr?
Hat ihm doch die Kälte zugesetzt?
Einem Instinkt folgend bleibe ich nicht auf der Straße, sondern nutze die nächstbeste Möglichkeit auf den Supermarktparkplatz abzubiegen.
Vorwärts in die Parklücke, Motor aus.
Tief Luft geholt – der beruhigt sich sicher gleich wieder.
Stoßgebet zum Himmel.
Mein Auto und ich haben uns mal ewige Treue geschworen – bis der Schrottplatz uns scheidet, bleiben wir zusammen!
Daran musste ich denken.
Ich musste auch daran denken, dass es bei der letzten großen Inspektion im Oktober keinerlei Grund zur Beanstandung gab.
Alles in bester Ordnung.
Die Vierhunderttausend bekommen wir gemeinsam voll, dessen war ich mir ganz sicher.
Also, tief durchgeatmet, Motor gestartet – alles wie immer.
Rückwärtsgang rein – Läuft!
Na wer sagt`s denn!
Raus aus der Parklücke, Schaltung auf Vorwärts – mein Auto steht und steht und steht.
Ich trete das Gaspedal bis Anschlag durch – er steht und bewegt sich keinen Zentimeter.
Ich könnte jetzt rückwärts nach Dresden fahren, vielleicht wäre das meinem Guten irgendwann selbst zu blöd und er überlegt es sich freiwillig anders und fährt einfach wieder vorwärts?
Ich fahre rückwärts an die Seite des Parkplatzes, schalte den Motor aus und starre vor mich hin.
Mein Kopf ist leer.
Mir fällt in diesem Moment partout keine Menschenseele ein, die ich anrufen und um Rat fragen könnte.
Als erstes schreibe ich meiner Liebsten, dass sie wohl heute auf den Zug ausweichen muss.
Okay was jetzt?
ADAC fällt aus, da bin ich schon seit Jahren nicht mehr drin.
Mir fällt ein, dass in solchen Fällen meine Versicherung einspringt.
Natürlich habe ich weder Telefonnummer noch Vertragsdaten dabei.
Ich rufe meine Werkstatt an.
Keiner geht ran. Machen die etwa Mittag zum Freitagmittag?
Ich rufe das Autohaus an, in welchem ich mein zweites Wohnzimmer vor sechs Jahren gekauft hatte.
Aaah, es gibt noch Menschen, die arbeiten freitags zwölf Uhr dreißig.
Der Werkstattmeister lässt sich das Problem schildern.
Meine Stimme wird brüchig, ich bekomme kaum noch ein Wort über die Lippen.
Mein Gott was denkt der jetzt von mir?
Es ist doch nur ein Auto!
Ich heule trotzdem und merke, dass mein Gegenüber leicht überfordert ist.
Ich fühle mich so hilflos, er merkt das auch.
„Ich schicke Ihnen sofort jemanden vorbei, entspannen Sie sich“, sagt er.
Was meint er damit?
Wirkte ich auf ihn so kopflos, dass er mir jetzt einen Rettungswagen mit einer Monatspackung Valium schickt oder doch eher den Abschleppdienst?
Wo sind meine Zigaretten?
Oh man, ich dachte ich brauche heute keine, also liegen sie zu Hause.
Normalerweise rauche ich tagsüber nicht.
Ich wühle mich durchs Handschuhfach, irgendwo habe ich immer ein Reservepäckchen vergraben.
Da ist es!
Tief inhalieren, Tränen abwischen, Papa anrufen.
Ich heule.
Dabei fällt mir ein, ich könnte auch meine Mutter anrufen, die wohnt nur ein paar Straßen entfernt.
Ich rufe meine Mutter an und bereite sie drauf vor, dass sie mich aus der Werkstatt abholen muss, sofern ich keinen Leihwagen bekomme.
Kein Thema, sie wäre da.
Ich könne auch ihr Auto haben über`s Wochenende.
Wobei es „Auto“ nicht ganz trifft, wohl bessere Transportbox auf vier Rädern, die mit Samthandschuhen angefasst werden will…
Oh, das klingt gut, damit hatte ich ja jetzt gar nicht gerechnet.
Ein junger, hübscher Typ fährt mit dem Autotransporter vor und checkt kurz die Lage.
„Hatten wir schon drei oder vier mal bei diesen Passattypen, das kommt dann irgendwann, wenn sie die Dreihunderttausend überschritten haben, lässt sich aber reparieren“, sagt er.
Ich atme auf.
Wir fahren in die Werkstatt.
Der Chef persönlich übernimmt die Diagnose.
Nun, na klar können wir das reparieren, kein Ding, kostet zwei Scheine netto.
Ist bei einem Automatikgetriebe halt bissel teurer.
Bissel teurer???
Ich sacke innerlich zusammen und könnte schon wieder losheulen.
Zweitausend netto??? Was für ein fucking Timing!
Ich will in wenigen Monaten umziehen, Franz hat seine Ausbildung noch nicht sicher, ach und überhaupt.
Warum jetzt?
Warum ich?
Ich dachte 2017 wird MEIN Jahr?!
Fängt ja wirklich gigantisch an!
Mein Vater rät mir, verkauf den Kasten!
Mein Autohändler sagt, in ein siebzehnjähriges Auto steckt man keine zweieinhalbtausend Euro mehr rein.
Nun, da kann ich mein Auto lieben wie ich will, aber selbst mir leuchtet ein, dass dies eine Fehlinvestition wäre.
Innerhalb von Minuten muss ich mal wieder weitreichende Entscheidungen treffen, schließlich bin ich raus aus dem Alter, in dem man sich Fünfhundert-Euro-Karren kauft, nur um sie ein halbes Jahr später versehentlich in polnischer Grenznähe zu parken, weil selbst die Verschrottung die Anschaffungskosten übersteigt.
Warum mache ich so ein Ding daraus, fragt Ihr Euch?
Jeden Tag kaufen Leute Autos, jeden Tag gehen Autos kaputt, so kaputt, dass eine Reparatur keinen weiteren Nutzen bringt.
Recht habt Ihr!
Und doch war dieser Freitag eine echte Herausforderung für mich – und eine Lektion in Sachen Vertrauen.
Ich als Sicherheitsfreak und kopflastiger Mensch lebe nicht so einfach in den Tag hinein.
Mein Jahr ist im Groben durchgeplant, meine Termine für die nächsten drei Monate kann ich Euch im Schlaf runterbeten.
Nichts wird dem Zufall überlassen, alles ist gut durchdacht, strukturiert und organisiert.
Die Rücklagen für den Umzug und den Start in Dresden sind schon lange in trockenen Tüchern.
Wenn dieses Gefüge nun durch irgendein unvorhergesehenes Ereignis tangiert wird, könnte es schon passieren, dass ich kurzzeitig zum eskalierenden Duracell-Häschen mit SäbelzahnTiger-Charakter werde!
Und dann fallen mir die Sätze wieder ein, die ich erst letzte Woche zu einer Freundin sagte:
Hab Vertrauen ins Leben!
Hab Vertrauen in Dich!
Alles geschieht dann, wenn es so sein soll und Du weißt nie, wofür bestimmte Ereignisse, welche Du jetzt vielleicht als schmerzhaft oder einfach nur lästig empfindest, gut und sinnvoll sind!
Herzlichen Glückwunsch Frau Schmidt, Sie haben soeben den Jackpot in Sachen:
„Anderen tolle Ratschläge geben, sie selbst aber auch anwenden können“ gewonnen!
Nun denn, ich übe mich seit Freitag in stoischer Gelassenheit, Vertrauen in mich, meinen Autohändler, meine Bank und meinen Arbeitgeber (dass er mich noch recht lange behalten möge).
Ich übe mich im Vertrauen darauf, dass Franz den Ausbildungsplatz erhält, den er sich unwiderruflich in den Kopf gesetzt hat.
Ich übe mich auch im Vertrauen darauf, dass die Wohnungssuche und der Umzug ein voller Erfolg werden und ich vor ungeplanten Einschränkungen meines durchstrukturierten und -organisierten Alltags und den damit einhergehenden Nervenzusammenbrüchen weitestgehend verschont bleibe.
Und ich übe mich darin, bei all den kleinen und großen Herausforderungen möglichst entspannt und fröhlich auszusehen, schließlich bin ich ein Paradebeispiel in Sachen „Veränderung? Ein Klacks für mich!“
Einmal kurz gepflegt durchdrehen? Dann läuft`s gleich umso besser!
Und Ihr so?
(C) Photo gefunden auf Facebook
Oh ja, kenne ich.
Ist wie Rat(um)schlag!
Für sich selbst hat man wenig Nerv.
Ich hoffe, dass alles seinen guten Weg geht!
Im Moment fühlt es sich noch schleudergangmässig an liebe Elke. Aber das kann ja kein Dauerzustand sein ?