~Wen(n) bunte Vögel vögeln~
Heut ist mir wieder so ein Begriff begegnet, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellen:
s a p i o s e x u e l l
Das toppt tatsächlich noch Begriffe wie pan- und metrosexuell.
Wenn Du Dich als sapiosexuell bezeichnest, bedeutet das, dass Du Dich vor allem von intelligenten Menschen erotisch angezogen fühlst.
Im umgangssprachlichen heißt das dann sozusagen nicht mehr „dumm, sondern schlau f… gut“
Nun, diesen Begriff gibt es wohl schon seit den 90igern im englischen Sprachraum und basiert auf evolutionspsychologischen Forschungen.
So weit, so sinnfrei – zumindest für mich.
Es ist kein neues Phänomen, dass gerne in Schubladen (die u.U. sehr, sehr eng sind) gedacht und beurteilt wird. Vorzugsweise nach dem ersten Blick auf das äußere Erscheinungbild.
So nach dem Motto: Zeig mir was Du trägst, ich sag Dir wer/was Du bist.
Du wirst taxiert, abgecheckt nach Stil, Aussehen, wie lang oder kurz Deine Haare sind (vor allem bei Frauen ein eindeutiges Kriterium für ihre sexuelle Orientierung)
„Aha, Du bist also jetzt lesbisch geworden.“
Nein, verdammt, bin ich nicht! In erster Linie bin ich ein Mensch, in zweiter eine Frau.
Und sehr viel mehr ist schwer zu beurteilen, wenn man mich nicht kennt und kaum 3 Sätze mit mir gewechselt hat.
Was ich wirklich BIN, erkennt man(n)/frau nicht an meinem Äußeren oder daran mit wem ich ins Bett gehe, noch weniger erkennt man es an meinen Klamotten, Schuhen oder der Form meiner Brille.
Das alles BIN ich nämlich nicht!
Und vor allem bin ich schon gar nicht, wie andere mich haben wollen, bin kein Attribut, was sie mir an die Stirn tackern!
Das war mir schon immer zuwider, dagegen hab ich schon im Kindergarten rebelliert. Und es provoziert regelrecht den Revoluzzer in mir, dann geh ich schonmal auf die Barrikaden und ziehe als bekennende Pazifistin mein Schwert!
Ich BIN ICH, basta!
In meiner unmittelbaren Umgebung beobachte ich folgendes:
Heterofrauen werden sofort als Gender klassifiziert, nur weil sie eine BoysCut Jeans und ein kariertes Hemd tragen und kurze Haare haben.
Ich höre Sprüche wie: bei den beiden sieht man auch sofort wer der Mann in der Beziehung ist.
Solche Sätze sind einfach nur dumm und unüberlegt.
Du wirst von vornherein in Schubladen gesteckt, bekommst ein Etikett aufgedrückt und fertig.
In Zeiten des Mainstream, der Normkonformität und Gleichmacherei, der hemmungslosen Rechthaberei und der ach so individuellen EgoTrips (dass sie schon wieder langweilig sind, weil jeder dasselbe macht) braucht eben alles irgendwie einen Namen, die Leute werten sich selber auf, indem sie andere abwerten bzw. sie in irgendeine Ecke stellen.
Alles was ihnen in irgendeiner Form seltsam vorkommt, wird nicht etwa hinterfragt oder interessiert und neugierig beschnuppert, nein, es wird von vornherein BE- oder schlimmer noch VERurteilt.
Da stehen wir unseren Großeltern der alten Schule in nichts nach: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht!
Bei all den Etiketten bleibt kein Platz mehr für wirkliche Begegnung zwischen uns und anderen, schon gar nicht wenn dann noch mein Lieblingsthema ins Spiel kommt, die „bösen“ Flüchtlinge.
Wenn wir es schon untereinander nicht hinkriegen, wundert es mich ehrlich gesagt nicht, wenn auch alles Fremde in diesem Land schlechte Karten hat.
Kürzlich sagte ein Freund aus Kindertagen „Alte Lesbe“ zu mir.
Es ist natürlich schwer, einem in seinem männlichen Ego angeknacksten Mitvierziger zu erklären, dass ich nicht mal eben so lesbisch geworden bin, dass ich Plaque bekomme, wenn mich Leute ungefragt in irgendwelche Kategorien verbannen und mir einen Stempel aufdrücken wollen.
Ich verabscheue Kategorisierungen in jeglicher Hinsicht, vor allem bezüglich der eigenen sexuellen Orientierung.
Meine Schwester hat einmal einen wundervollen Satz gesagt, den ich immer wieder gern zitiere, wenn ich gefragt werde, ob ich von den Männern so geschädigt und geheilt bin, dass ich „auf Frauen umsteigen“ musste.
Sie sagte dazu: Ich verliebe mich nicht in das Geschlecht, sondern in den Menschen!
Und genau das ist es, was mir vor einiger Zeit passiert ist.
Ich verliebte mich in eine Frau.
Rein theoretisch (wie auch praktisch) bedeutet das, dass ich auch wieder mit einem Mann zusammen sein könnte.
Ich möchte damit nur deutlich machen, dass Liebe (für mich) nicht geschlechtsbezogen ist und ich es zum kotzen finde, dass diejenigen, welche es nicht schaffen, über den Tellerrand zu gucken und mal ihre Komfortzone zu verlassen, blödsinnige und jeglicher Substanz entbehrende Bemerkungen abzufeuern. Dann lieber Fresse halten wenn man keine Ahnung hat und sich weiter von Germanys Next Topmodel-Dschungelcamp-Frauentausch-Bachelor TV Formaten das Gehirn verkleben und vernebeln lassen.
(kein Wunder dass die AfD so einen Zulauf hat, da gibt man(n)/frau ja auch das Gehirn an der Tür ab)
Erschreckend allerdings auch, dass solche Art abwertender Kommentare nicht nur von bildungsresistenten Intelligenzlegasthenikern, sondern tatsächlich auch aus den Mündern von durchaus gebildeten Menschen zu hören sind.
Ich bin bestimmt nicht das Maß aller Dinge, weit entfernt davon, immer richtig, gerecht und überlegt zu handeln.
Allerdings gibt es einen Punkt, an dem ich zur Jeanne D`Arc werde:
Wenn Menschen aufgrund ihrer Überzeugungen, sexuellen Orientierung, ihres äußeren Erscheinungsbildes (Frisur, Klamotten, Make Up, Schuhe…) angegriffen, verurteilt oder ausgelacht werden.
Dieses Recht steht keinem zu!
Armes Deutschland, wenn Du nicht der Norm entsprichst, bist Du raus!
Erinnert mich gerade an ein Lied aus meinen Kindertagen.
Der Liedermacher Gerhard Schöne sang:
Als mein gelber Wellensittich aus dem Fenster flog, hackte eine Schar von Spatzen auf ihn ein.
Denn er sang wohl etwas anders und war nicht so grau wie sie. Und das passt in so ein Spatzenhirn nicht rein!
Die Spatzenhirne in diesem Land überwiegen leider, umso dankbarer und glücklicher bin ich über jeden Wellensittich, jeden schrägen, bunten Vogel, der mir begegnet und in mein Leben flattert.
Dann interessiert mich nicht, welchen Namen sein Style hat, in welche Schublade ihn die Gesellschaft und die langweiligen, auf Norm getrimmten Spatzenhirne stecken.
Ich liebe Farbe im Leben und bunte Vögel noch mehr!
Deutsches Einheitsgrau kann jeder!
Ach und wenn wir schonmal dabei sind, dies trifft auch auf andersstämmige, andersfarbige und andersdenkende Menschen zu!
(C) Photo gefunden auf Facebook
Perfekt geschrieben, klasse Einstellung!!!
Daumen ganz hoch, liebe Fr. Schmidt
???
DAnke liebste Anne :-* Und schön, wieder von Dir zu lesen 🙂
So sehe ich das auch.
Ich schule ja auch neue Mitarbeiter zum Thema Gleichberechtungsrecht
und habe noch keinen bei meinen Beispielen zusammen zucken sehen.
Möchte aber nicht wissen, was heimlich in den Köpfen vorgeht.
Daumen hoch.
P.S. Muss mich mal so langsam hier durchlesen. 🙂
Du warst fleißig mit Schreiben.
LG Elke
Ja, ein heißes Eisen dieses Thema. Bin froh und erleichtert, dass ich bis auf eine Ausnahme bisher nur gute Erfahrungen machen durfte, als Frau, die eine Frau liebt.
Und was den Fleiß betrifft. Der Blog war ein absoluter Traum von mir und meiner Freundin habe ich zu verdanken, dass ich nun endlich einen habe. Der will natürlich auch gepflegt und gefüllt werden. Und es macht großen Spaß! ☺