~Und alle Jahre wieder~
…fühle ich mich überhaupt nicht weihnachtlich zum 1. Advent.
Der Zauber und die Magie sind mir abhanden gekommen in den letzten Jahren – oder sollte ich sagen schon in den letzten Jahrzehnten?
Als Kind kam mir alles irgendwie magisch und geheimnisvoll vor um diese Zeit – nun besteht meine größte Herausforderung darin, den Zeitplan bis zum Fest einzuhalten, die Geschenke zu besorgen, die Ente zu bestellen, Adventskalender zu basteln und zu füllen und noch vieles mehr.
Nicht dass mir das keine Freude bereiten würde – im Gegenteil – ich glaube es ist eher die Hetzerei und Eile, in der ich all meinen Verpflichtungen nachkommen (muss).
Denn „müssen“ muss ich eigentlich gar nichts, den Stress mache ich mir schön selbst.
Jedes Jahr auf`s neue versuche ich irgendwo zwischen Geschenkpapier, Tannengrün und Räucherkerzenduft ein wenig von dem Weihnachtszauber meiner Kindertage zu entdecken und bin schon fast enttäuscht wenn mir das nicht glückt.
Wo ist er hin? Was hat ihn vertrieben? Können wir alles auf die Hektik und das nicht mehr zu kontrollierende Konsumverhalten in der jetzigen Gesellschaft schieben?
Oder ist uns dieser Zauber einfach nur abhanden gekommen, weil wir (verständlicherweise) nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben, weil wir nicht mehr daran glauben, dass Wünsche wirklich wahr werden und sich erfüllen können, wenn man nur fest genug daran glaubt?
Selbst der Besuch der Adventsvesper gestern in der Dresdner Kreuzkirche vermochte es nicht, mich in vorweihnachtliche Stimmung zu versetzen.
Auch wenn ich selbst der patriarchalen evangelischen Kirche aus vielerlei Gründen den Rücken gekehrt habe, bin ich ein sehr gläubiger Mensch (der Kirche aber eben nicht gläubig genug im Sinne von Gott gefällig – denn ihr Gott ist nicht mein Gott – aber zu diesem Thema tobe ich mich ein anderes Mal aus), so berührt mich doch immer wieder die geistliche Chormusik, vor allem um die Weihnachtszeit herum. Wenn die Orgelklänge zu „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ erklingen oder der Kreuzchor „Gegrüßet seist du, Maria“ singt, dann bekomme ich unweigerlich eine Gänsehaut, bei „Maria durch den Dornwald ging“ laufen mir sogar die Tränen über`s Gesicht.
Nicht weil mich dieses Lied so traurig machen würde, sondern weil es mich auf einer so tiefen Ebene berührt, die sich meiner Einflussnahme völlig entzieht.
Es berührt Erinnerungen, Gefühle, Empfindungen aus lange zurückliegenden Jahren, als ich noch ein kleines Mädchen war und Erlebnisse, Begegnungen und Ereignisse gefühlsmäßig in mich aufnahm und (noch) nicht alles mit Hilfe meines Verstandes abspeicherte.
Dann tauchen Bilder in mir auf, Bilder aus meiner Kindheit die mich daran erinnern, wieviel uns eigentlich verlorengeht auf dem Weg in unser ach so erwachsenes Leben.
Wir zahlen einen hohen Preis für unsere Entscheidungsfreiheit, für unsere Fähigkeit alles kontrollieren, uns jedes Bedürfnis, jeden (materiellen) Wunsch selbst erfüllen zu können.
Wir verlieren leider auf dem Weg dahin die Fähigkeit, uns ein wenig vom Zauber unserer Kindertage zu bewahren, das Leuchten in den Augen beim Anblick eines schön geschmückten Weihnachtsbaumes, das wohlige Gefühl im Bauch und im Herzen wenn wir an frischem Tannengrün riechen oder uns der Duft von gebrannten Mandeln in die Nase steigt.
Nein, ich mag Euch nicht die Adventsstimmung vermiesen und Ja, es ist möglich, sich etwas von diesem Zauber in die Gegenwart zurückzuholen.
Seit mir aufgefallen ist, wie schmerzlich ich diesen Weihnachtszauber vermisse, gelingt es mir tatsächlich doch jedes Jahr, selbst dafür zu sorgen, diese Magie zumindest manchmal wieder zu spüren.
Nicht eins zu eins, das wäre vermessen, sind doch Erinnerungen an die Kindheit das, was sie sind – Bilder und Empfindungen an eine vergangene Zeit, als wir Kinder waren und auch wie Kinder gefühlt, gesehen, empfunden haben.
Ich hacke auch nicht auf der ach so bösen Konsumgesellschaft herum, auch nicht auf der Generation Smartphone oder den digitalen Medien.
Ich denke, jeder ist selbst in der Lage, Verantwortung zu übernehmen und für sich zu entscheiden, inwieweit er seine Seele an die Welt des übermäßigen Konsums und der oberflächlichen Werte verkauft. Das will und werde ich nicht be- oder verurteilen.
Mir ist es tatsächlich in den letzten Jahren immer wieder gelungen, mir ein kleines Stück des Weihnachtszaubers zurückzuholen oder mir eben neue Rituale und Erinnerungen zu schaffen.
Zum Beispiel habe ich wieder damit begonnen Weihnachtskarten zu schreiben, so richtig mit Füller auf Papier – nicht per email oder WhatsApp-Animation (an dieser Stelle kann ich es mir nicht verkneifen mich als WhatsApp Video Hater zu outen, diese unglaublich nervigen, singenden Schlümpfe oder andere diversen Geschöpfe wie Teddybären, Kätzchen usw. verursachen mir mehr Bauchschmerzen als zuviel Kuchen beim Geburtstagskaffee)
Für dieses Jahr habe ich mir den Plattenspieler meiner Freundin ausgeliehen und die DDR-Standard-Weihnachtsplatte „Bald nun ist Weihnachtszeit“ im Internet bestellt.
Braunes Cover, heimelig anmutende erleuchtete Fenster und mit Lichtern bestückter Christbaum vor verschneitem Hintergrund – alle Zonenkinder wissen welche Platte ich meine.
Allein dieses Plattencover ist für mich der Inbegriff von Weihnachten und es ist ein überaus großer Unterschied ob ich Weihnachtsmusik von Vinyl oder über Spotify höre, wo es mir passieren kann, dass im schönsten Moment die Werbung reinplatzt.
Und ich habe wieder angefangen kleine Geschichten zu sammeln, Begebenheiten, die mir selbst passieren und die mir den Tag erhellen, die mich inmitten der ganzen Geschäftigkeit und des selbstgemachten Stresses aufhorchen und mich lächeln lassen, weil mir wieder bewusst wird, wie wichtig und wie wundervoll es ist, eben diese vermeintlich kleinen Geschichten wahrzunehmen und weiterzuerzählen.
Denn genau diese Begebenheiten sind es, die in unserem Herzen bleiben, an die wir uns noch Jahre später zurückerinnern, weil sie unsere Seele berühren.
Und genau das, was unser Herz berührt, was uns unwillkürlich lächeln und an kleine und große Wunder glauben lässt, eben an das bleibt ein Leben lang in unserer Erinnerung.
Und diese Erinnerungen sind es, die es möglich machen, wieder ein wenig vom Zauber der Advents- und Weihnachtszeit unserer Kindertage zu spüren und zu sehen.
Und ich bin überzeugt, dass es genau das ist, was uns weich und menschlich macht und uns davor bewahrt zu konsumverwöhnten Egomanen zu werden.
Schöne Dinge zu kaufen, sich vieles leisten zu können ist toll – mit dem, was wir empfinden, wenn wir strahlende Kinderaugen sehen, wenn es uns gelingt, genau diesen kindlichen Zauber selbst wieder zu spüren – eben mit diesem Gefühl kann kein Geld der Welt mithalten.
Und wenn wir uns das klar machen, dann kann es uns vielleicht auch immer öfter gelingen, sanft zu uns selbst und zu den Menschen zu sein, die uns jeden Tag begegnen – auf der Straße, im Büro, auf dem überfüllten Weihnachtsmarkt und in der eigenen Familie.
Und natürlich nicht nur zu Weihnachten, sondern immer wieder und gerade im Alltag.
Wie ist das bei Euch? Wie gelingt es Euch, in Weihnachtsstimmung zu kommen und Euch heimelig und adventlich zu fühlen? Ich bin neugierig, lasst es mich wissen wenn ihr Lust habt mir davon zu erzählen. Und vielleicht konnte ich Euch ohne es beabsichtigt zu haben, ein klein wenig weihnachtliches Funkeln in den ersten Adventssonntag schicken. Denn einen ebensolchen wünsche ich Euch!
Herzlichst, Eure Frau Schmidt
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