~Vergänglichkeit~
Das Wetter heute widersprach irgendwie der eigentlichen Bedeutung dieses Sonntags.
Die Sonne schien, der Himmel strahlend blau, anstelle grauer und trüber Tristesse, so wie wir es vom November und insbesondere vom Totensonntag kennen.
Schon vor zwei Tagen überraschte uns der Himmel mit einem so überwältigendem Morgenrot, dass ich mich frage, ob ich so ein Naturschauspiel jemals um diese Jahreszeit gesehen hatte, zumal es die Tage davor (und den Tag danach) konsequent regnete.
Nun hatte dieser Sonnenaufgang für mich noch eine ganz andere, sehr besondere Bedeutung.
Ich hatte Geburtstag an diesem Tag. Und wie das so ist, schneidet auch mir an Feier- oder sonstwie besonderen Jahrestagen der Verlust von geliebten Herzmenschen ganz besonders schmerzhaft in die Seele.
Und so war dieses Morgenrot am diesjährigen 18. November für mich ein ganz besonderer und persönlicher Gruß vom Himmel.
Noch am Vorabend erzählte ich meiner Freundin davon, wie sehr es mich immer berührt hat, dass es sich mein Großmütterchen trotz ihrer ausgeprägten Schwerhörigkeit nicht nehmen ließ, mich jedes Jahr zu meinem Geburtstag auch anzurufen.
Trotz dem sie selbst kaum etwas verstand am Telefon – der Anruf zum Geburtstag war ihr ein absolutes Bedürfnis. Selbst schlecht zu Fuß, verschiedene Krankheiten und Einschränkungen körperlich sichtbar, machte sie sich nichts daraus noch an den Geburtstagsfeiern ihrer Kinder und Enkel teilzunehmen, zu unwohl fühlte sie sich im Trubel der vielen Menschen, die viel zu laut und viel zu schnell redeten, es wäre für sie immer mehr Anstrengung als Genuss gewesen.
So fuhr ich jedes Jahr ein oder zwei Tage später zu ihr hin, das Kuchenpaket in der einen, das Strickzeug in der anderen Hand.
Ich muss dazu sagen, gestrickt habe ich mein ganzes Leben lang ausschließlich in Gegenwart meiner Großmutter. Sie liebte es, wenn die Mädels sich in Sachen Handarbeit zu beschäftigen wußten – und ich liebe bis heute die selbstgestrickten, warmen Socken meiner Oma, von denen ich auch zuverlässig jedes Jahr ein Paar überreicht bekam, verbunden mit einem Päckchen Kaffee und einem Geldschein.
Das Schönste an diesem Geschenk allerdings war das Zusammensein mit ihr.
So saßen wir nebeneinander, einträchtig als Großmutter und Enkelin, plaudernd, strickend und Kuchen essend.
An solchen Nachmittagen wurden oft Geschichten aus den Vor- und Nachkriegsjahren erzählt, Schlimmes hat sie und ihre Familie durchgemacht. Aber auch Schönes bekam ich zu hören, zum Beispiel wie sie meinen Großvater kennenlernte, der ein Charmeur und Womanizer war.
Und sie, die bescheidene, zurückhaltende wurde von ihm erwählt, eben weil sie nicht so aufdringlich und kokett war wie die anderen.
Auch Geschichten von der Schankwirtschaft meiner Urgroßeltern, damals gab es noch richtige Tanzdielen, im Sommer sogar draußen unter freiem Himmel.
Sie erzählte mir, dass in ihrer Jugend Liebesheiraten tatsächlich immer noch eine Seltenheit waren, und sie aber zu den Frauen gehörte, die den Mann den sie ehelichte, auch von ganzem Herzen liebte.
Es ist nun schon der zweite Geburtstag den ich ohne meine geliebte Oma feiere, ohne Kuchen in ihrer gemütlichen Stube, ohne Schal stricken am laufenden Meter.
Eine schöne Feier mit Freunden und Familie gab es trotzdem.
Dass mein Großmütterchen nie wieder mit mir Kaffee trinken oder Schals und Socken stricken wird, bleibt ein Schmerz der einfach nicht weniger wird.
Auch wenn die Vernunft und der logische Menschenverstand gebieten, dass alte Menschen nun einmal sterben, ändert dies nichts an der Tatsache, dass der wichtigste Mensch aus meinem Leben gegangen ist, ganz leise und ohne große Aufregung, genau so wie sie immer gelebt hat – bescheiden, zurückhaltend, still, aber immer mit einem riesengroßen Herzen voller Liebe und Zuneigung, mit Händen die gestreichelt und gehalten haben, die Socken gestrickt und heiße Milch mit Honig gekocht haben, was irgendwie gegen alles half, egal wie alt man war.
Nun wird der Totensonntag immer auf den Sonntag nach meinem Geburtstag fallen, so wie heute.
Am Freitag holte ich bei meiner Blumenfrau noch ein besonderes Gesteck für das Grab, in Herzform, ganz natürlich gestaltet. Oma mochte keinen Schnickschnack.
Heute fuhr ich nun mit einer Freundin zum Friedhof und ich bin so dankbar, dass sie an meiner Seite war. Ich kann tage- und wochenlang gut damit zurechtkommen, dass Oma vor anderthalb Jahren gegangen ist. Sobald ich an ihrem Grab stehe, ihren Namen auf dem Grabstein lese, brechen noch immer alle Dämme und ich weiß nicht wohin meinem ganzen Schmerz. Dann ist es gut dass ich nicht alleine bin, dann ist es gut, dass jemand da ist, an dem ich mich festhalten kann.
Der Schmerz und die Traurigkeit können überwältigend sein – und dann denke ich an das Morgenrot mitten im November, an meinem Geburtstag.
Wer will da noch daran zweifeln, dass meine Oma immer bei mir ist?
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