~ An Tagen wie diesen ~

~ An Tagen wie diesen  ~

Wenn ich morgens meinen ersten Kaffee über den Wohnzimmerteppich ergieße,
durch eine unbedachte Handbewegung meine Lieblingstasse zu Bruch geht, ich innerhalb weniger Monate nun schon meine dritte (Lese)Brille verliere
UND
mich in regelmäßigen Abständen von meinen durchaus nervenden Dämonen einholen lasse,
dann tröstet mich manchmal der Gedanke,
dass es weitaus Schlimmeres gibt
als Scherben auf dem Küchenboden
oder selbstmitleidgeschwängerte Ausnahmezustände.
Angesichts der weltpolitischen Lage
ertappe ich mich dabei,
mich selbst
und meine Luxusproblemchen nicht mehr wichtig zu nehmen.
Sie immer schön zuzudecken mit dem Mäntelchen
realitätsvernünftiger Argumente
meiner wohlstandsverwöhnten Überzeugungen.
Oder sollte ich eher sagen
meiner durch streng protestantisch-indoktrinierten
Gehirnwäsche,
den nächsten mehr zu lieben als mich selbst
und immer recht sittsam, rücksichtsvoll
und
vor allem altruistisch
in den eigenen Schatten (und natürlich in den der anderen)
zu treten?
Die sozialen und gedanklichen Kreise
in welchen ich mich bewege
zogen sich
in den vergangenen Jahren immer enger.
Nicht unbedingt selbstgewählt
aber mit stetiger Konstanz
und zyklischer Wiederkehr.

Parallel dazu
etabliert sich in meinem
manchmal
konfusen AlltagsGewahrsein
ein gewisser Trotz
gegen ungefragt erhobene
moralische Zeigefinger
auf die ich ganz gern mal
mit einem
unmoralischen Mittelfinger
reagiere.
Und wenn mein inneres Gleichgewicht
aus der Reihe tanzt,
meine souveräne
Fassade bröckelt
und mich tagelang
in einer Zwangsjacke
weltschmerzender Tristesse
gefangen hält,
dann erinnere ich mich an die Worte
einer Frau,
die mir in der härtesten Zeit meines Lebens
den Arsch gerettet hat:
AUSHALTEN!
Einfach nur aushalten!
Wobei an der Stelle das Wort EINFACH
jeder Beschreibung spottet.
Denn es ist alles andere als das.
Aushalten erfordert
manchmal unerbittliche,
bisweilen trotzige
Disziplin,
die aufzubringen
mir nicht von Natur aus gegeben ist.
Nun – frau wächst mit ihren Herausforderungen.
Die Betäubung mental schmerzhafter Zustände ist leicht
und überall zu haben.
InstantHealing durch Ablenkungen wie
Konsum, Alkohol, diverse Substanzen
und vampirisches Verlangen nach zwischenmenschlichen
Zerstreuungen,
würden die grauen Tage schnell
aber eben nur
temporär erhellen.
Wer glaubt,
seine schwarzen seelischen Löcher
mit Alternativen wie diesen
stopfen zu können,
findet sich irgendwann
in Abhängigkeiten wieder
deren Suchtpotential
zwar nicht unbedingt offensichtlich,
aber um so toxischer
ist,
je regelmäßiger von ihnen Gebrauch gemacht wird.
Die eigene Seele wird versklavt
und das eigentlich Irrwitzige daran ist,
dabei zum Experten für Schönfärberei zu werden.

Ja – manchmal ist der rote Faden blau
und Du tanzt Dir auf ihm
die Füße wund,
in viel zu engen Schuhen,
auf dem Drahtseil
deines kleinen Lebens,
welches sich doch bitteschön
jeden Tag großartig anfühlen soll.
Tut es aber nicht.
Muss es auch nicht.
Schon klar – unsere nebligen Rabentage sind nicht socialmediatauglich, im Gegenteil, manchmal bringen sie unsere finstersten Seiten zum Vorschein.
Seiten, die wir nichteinmal vor uns selbst eingestehen können oder wollen.
Chris Kraus, Autorin des Romans „Scherbentanz“ beschrieb das so:

 

Kaum ein Mensch weiß um die eigene Seele, ihren Geiz, ihre Arroganz, ihre Habgier oder abgrundtiefe Einsamkeit. Wir alle sind blind, wenn es um die andere Seite unseres Mondes geht, auf die kein Sonnenstrahl trifft. Die Dunkelheit ist niemand selber.

 

Meine Quintessenz?

Das Leben muss nicht immer halten, was wir uns von ihm versprochen haben.

Ab und zu tut es ganz gut,
sich in die tiefen Abgründe seiner eigenen Unzulänglichkeiten
fallen zu lassen,
innerlich zu jammern und zu lamentieren über verpasste Chancen und ungenutzte Möglichkeiten.
Sich darin zu suhlen, bis der Schlamm des Selbstmitleids getrocknet ist und abfällt wie eine zu eng gewordene Haut.

Dann steh ich wieder auf,
verspiele getrost die brüchigen Illusionen über das Leben im Casino der unwirklichen Eitelkeiten
und verschwende mich nicht länger an die
schalen Träume meiner Projektionen.


4 thoughts on “~ An Tagen wie diesen ~”

  • 1
    Helga am 13. April 2022 Antworten

    Liebe Marit,
    gnadenlos gut, gnadenlos ehrlich, gnadenlos wahr!
    Also genau das, was uns wachrüttelt!
    Ich hab ihn genossen, Deinen Text…, gerade im Moment!
    Danke….

  • 2
    Sabine am 13. April 2022 Antworten

    Volltreffer.
    Danke von Herzen.
    Mehr kann ich gerade nicht sagen.

  • 3
    Elke am 13. April 2022 Antworten

    Wer kennt diese Tage nicht? Ehrlichkeit zu sich selbst tut gut. In die Seelenabgründe zu blicken nicht immer, aber man tut es, ob man will oder nicht. Danke für deinen ehrlichen Text!

  • 4
    Papa am 13. April 2022 Antworten

    Du triffst es wiedermal auf den Punkt wer nicht solche Phasen hat der hat nichts verstanden mir geht es auch in meinem Alter noch so. Papa

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