Ich l(i)ebe besser auf Distanz…

12. März 2020 Texte 6
Ich l(i)ebe besser auf Distanz…

Das Leben fragt nicht, wann es Dir eine reinhauen darf und wann es eher nicht in Deine Planung passt.

Wenn ich eines begriffen habe in den letzten Jahren, dann die Tatsache, dass frau immer mit dem Unvorhergesehenen rechnen muss, es lauert hinter jeder Ecke, egal wie sicher wir uns wähnen in unseren selbstgezimmerten Traumschlössern und allianzversichertem Kleinbürgertum.

Heute glaubst Du noch, genau den Weg gefunden zu haben, auf dem Du die nächsten Jahre voller Sicherheit wandeln wirst, hast Dich häuslich eingerichtet in Deiner gemütlichen Komfortzone, ruhst Dich aus auf dem sanften Kissen der Gewohnheit und Routine.
Und schon morgen verpasst Dir das Leben einen dermaßen fiesen linken Haken, dass Dir der ganze Scheiß mit Lichtgeschwindigkeit um die Ohren fliegt.

Plötzlich bist Du wieder wach und begreifst von einer Sekunde auf die nächste, dass Du die letzten Jahre einfach nur gepennt hast, mit offenen Augen zwar, aber eben gepennt – kurze Wachphasen inclusive, aber eben nicht lang genug, um wieder klar zu sehen. Da braucht es schon schwerere Geschütze.

Wie zum Beispiel die WhatsApp meines Sohnes am Neujahrsmorgen mit dem Inhalt:

Mama, mach Dir jetzt bitte keine Sorgen, aber ich liege seit Mitternacht in der Notaufnahme. Die Ärzte sprechen von zwei gebrochenen Rückenwirbeln… aber bitte mach Dir keine Sorgen…

Bääähm!!! Wach!!! Wie vielleicht nie zuvor in meinem Leben.

Mir gehen tausend Gedanken auf einmal durch den Kopf:
Querschnittslähmung, Operation, Rollstuhl, Facharbeiterprüfung in Gefahr, Zukunft im Arsch, wird er wieder laufen können?? Was ist passiert??

Scheiße verdammt, Gott! Warum hast Du nicht auf mein Kind aufgepasst??

Scheiße verdammt, warum hab ICH nicht auf mein Kind aufgepasst??

Mein Kind wird bald zwanzig – aber er ist immer noch mein Kind, wird es immer bleiben.
Und er ist nun mal der größte Schatz den ich besitze und definitiv auch das Beste, was ich je in meinem verrückt-verkorksten Leben zustande gebracht habe.

Ich springe aus dem Bett, direkt in die Klamotten, verzichte auf Zähneputzen und Haare stylen
und rase los – okay, ich lasse rasen, ich hätte vor Angst und Panik das Lenkrad nicht halten können und wahrscheinlich jede rote Ampel überfahren.
Angekommen in der Klinik sehe ich meinen Sohn langgestreckt und ruhiggestellt im Bett liegen und bekomme erstmal einen Heulkrampf, so dass er mich noch beruhigen muss.

In diesem Moment verspreche ich Gott, oder dem Universum oder wer weiß welcher Arsch dafür verantwortlich ist, alles, einfach alles, damit mein Kind wieder aufsteht und laufen kann.
Ich bin sogar bereit meine Seele an den Teufel zu verkaufen dafür.

Nach der Visite stellt sich heraus, dass er lediglich einen gebrochenen Lendenwirbel hat und weder OP noch Rollstuhl nötig sind, dafür mindestens 6 Wochen zu Hause bleiben, Physiotherapie und kein Sport. Ich hab wieder geheult, diesmal vor Erleichterung.

Und in diesem Moment beschließe ich alles anders zu machen.
Vielleicht nicht besser, aber anders.
Mir wird klar, dass ich nichts, absolut gar nichts (in meinem Leben) kontrollieren kann, ich bin der Ungewissheit und Unsicherheit ausgeliefert, jeden Tag aufs Neue.
Und genau deshalb habe ich begriffen, dass ich es mir einfach nicht leisten kann, auch nur einen Tag zu verschwenden, ihn mit Dramen und Selbstkasteiungen zu verbringen, mich zufrieden zu geben mit Kompromissen und inhaltlosen Träumen.

Ich will mich wieder spüren, will mich nicht mehr innerlich tot fühlen, angepasst an den Lebensentwurf eines anderen, der schon lange nicht mehr zu mir passt, vielleicht nie wirklich zu mir gepasst hat.
Nur war ich zu feige und vermeintlich pflichtbewusst, das zu erkennen.
Wer bin ich denn, dass ich es mir rausnehmen darf, so egoistisch zu sein und an mich zu denken und dabei mal eben so nebenbei den großen Traum eines anderen zu zerstören?
Genau dieser Gedanke hatte mich davon abgehalten, diese Entscheidung schon viel früher zu treffen, ich wollte einfach niemanden verletzen und enttäuschen, also hab ich die kalten Füße schön still gehalten und all die leisen und lauten Stimmen in mir und aus meinem Freundeskreis erfolgreich ausgeblendet und ignoriert, hab sie weggelächelt, weggearbeitet, hab mein schönstes und überzeugendstes „Marit-zieht-das-durch-es-wird-schon-gutgehen-Gesicht“ aufgesetzt und es durchgezogen.
Ich hab sogar daran geglaubt, dass es funktioniert.
Natürlich hatte ich keine Ahnung, dass ich mir damit mal wieder selbst ins Knie geschossen hatte.
Allen habe ich etwas vorgemacht – in erster Instanz mir selbst.
Ich glaube, das war mir die ganze Zeit über klar.
Aber ich durfte es nicht zulassen, was würden die anderen sagen?
Wir passen doch so gut zusammen, unsere gemeinsamen Fotos zeigen uns immer nur lachend und glücklich.
Nun, es postet ja auch kein Mensch Fotos von gemeinsamen Unternehmungen auf denen man unglücklich dreinschaut, nicht wahr?
Und hinter die Fassade, sprich von innen geschlossene Wohnungstür, kann erst recht keiner blicken.

Aber zu mir selbst zu stehen ist mir nun mal nicht mit in die Wiege gelegt worden.
Ich kann das.
Durchaus.
Nur muss ich dafür vorher erstmal ordentlich gegen die Wand laufen um zu merken, dass Dir keiner einen Orden verleiht, wenn Du Deine eigenen Bedenken und Ängste ignorierst, nur um einen anderen nicht zu enttäuschen.

Nun, lange Rede und so weiter… Genau 11 Tage nach Franz Unfall habe ich mich aus meiner gerade mal dreimonatigen Ehe verabschiedet.

Das Geschrei war allerorten sehr groß.

Meine Lieblingsfrage, die jedes Mal Brechreiz in mir verursacht wenn ich sie höre, ist:

Warum hast Du denn dann erst geheiratet??

Dann möchte ich zurückfragen: Warum geht jeden Tag die Sonne wieder auf? Warum ist der Himmel blau?

Ich hätte ohne diese Hochzeit ein paar grundlegende Dinge einfach nicht begriffen und ich mache Fehler gern mehrmals, einfach nur um sicher zu gehen.
Wobei diese Heirat für mich kein Fehler war. Sie war tatsächlich nötig. Eine sehr kostspielige Notwendigkeit – finanziell, wie auch nervlich und seelisch – aber eben sehr notwendig.
Genauso war die gesamte dreijährige Beziehung kein Fehler, bei weitem nicht!

Ich habe einen Menschen auf einem sehr schwierigen, aber auch spannenden Weg begleiten dürfen, den er ohne mich vielleicht nie eingeschlagen hätte.
Und wenn es nur dafür gut war, dass er seinem Traum wieder ein Stück näher gekommen ist, hatte diese Beziehung seine absolute Berechtigung und ich bereue sie keineswegs.
Im Gegenteil.

Ich schäme mich nicht mehr dafür, zu sagen, dass es mir jetzt blendend geht.
Dass ich wieder atmen kann, dass ich mich wieder selbst spüre, dass ich lebe!

Ich weiß, dass ich mit dieser Entscheidung den Traum eines anderen in Schutt und Asche gelegt habe – und das tut mir aufrichtig leid.
Ob er mir das jemals verzeihen kann weiß ich nicht.
Im Moment sieht es nicht danach aus.
Ich werde lernen damit umzugehen.

P.S. Frau Schmidt ist zurück – nach über zwei Jahren Funkstille. Bald wieder mehr von ihr…

(C) Photo by me


6 thoughts on “Ich l(i)ebe besser auf Distanz…”

  • 1
    Elke am 12. März 2020 Antworten

    All deine Worte haben mich sehr berührt. Ja, wenn man merkt, dass man sich verkauft und nicht mehr „das Selbst“ ist, dann ist es Zeit. Egal ob es nach 30 Jahren oder nach 8 Jahren, wie bei mir, oder nach 3 Monaten, wie bei dir ist. Wenn es Zeit ist, gibt es keinen anderen Weg.
    Danke für deine Worte.

    • 2
      Frau Schmidt am 13. März 2020 Antworten

      Und ich danke Dir für Deine Worte Elke!

  • 3
    Helga am 13. März 2020 Antworten

    Ich würd gern was dazu schreiben, aber ich finde keine Worte (oder besser: nicht die richtigen).
    Auf jeden Fall „Hut ab“! Solche Entscheidungen trifft beileibe nicht Jede/r.

    • 4
      Frau Schmidt am 15. März 2020 Antworten

      Manchmal braucht es keine Worte liebe Helga. Danke für Deine Zeilen. Fühl Dich umärmelt!

  • 5
    Deine Kate am 13. März 2020 Antworten

    seit so vielen Jahren darf ich dich begleiten in all seinen Wahnsinn den dein mein und unser Alltag mit sich bringt… und in all den Jahren hab ich dir nichts mehr gewünscht dass du endlich bei dir bist … bei dir ankommst und nicht mehr auf dieser ewigen Suche bist … weil alles ist in dir … nichts was du braucht findest du in jemand anderem … alles was du bist ist in dir… meine Liebe….

    Schreib weiter und genau so …damit berührst du nicht nur uns sondern auch dich selbst… bleib genau so bei dir und sei weiter so achtsam, wie in diesen ersten Sekunden in diesem 2020… es wird trotz aller aktuellen unglaublichen Situationen etwas gutes mit sich Bringen, für dich, für mich, für alle, die an das Universum glauben…. davon bin ich überzeugt ….

    • 6
      Frau Schmidt am 15. März 2020 Antworten

      Ich bin so berührt von Deinen Worten. Danke meine liebe Kate!

Schreib einen Kommentar zu Elke Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *