~Das Maß der Dinge oder eine kleine Geschichte über die Zeit~
Wie jedes Jahr,
viel zu schnell,
ist Weihnachten ran.
Wo die Zeit hin ist
frage ich mich schon lange nicht mehr.
Und jedes Jahr auf`s Neue
stellt sich die Frage nach dem Sinn
oder vielmehr UNsinn des Schenkens.
Ja, ich gebe zu,
ich gehöre zu den Menschen,
die erstens gerne schenken
und zweitens,
sich jedes Jahr ein klein wenig verrückt machen
nicht genug Geschenke für die Liebsten zu haben.
Dann wird noch 48 Stunden vor dem Fest
das große digitale Kaufhaus bemüht,
um schnell noch was zu reißen.
Was für ein Bullshit.
Wozu?
Für wen?
Und vor allem – mit welchem Ziel?
Ich stieß vor ein paar Tagen
auf einen wundervollen, sehr bezeichnenden Artikel
von George Monbiot auf The Guardian
welcher wirklich schonungslos
mit dem WeihnachtsgeschenkeKaufBoom abrechnet und
auf die Sinnlosigkeit dieses Wahnsinns
aufmerksam macht.
Besonders spannend stellt er die Groteske heraus,
wie fast jeder in den hochentwickelten Industrieländern
daran beteiligt ist,
unsere lebende Welt durch sinnlosen Konsum zu zerstören.
Er schreibt:
Es gibt nichts, was wir brauchen.
Nichts, was wir nicht schon besitzen.
Nichts, was wir überhaupt wollen.
Trotzdem beschenken wir uns gegenseitig mit Dingen,
die am ersten Weihnachtstag noch amüsant,
am zweiten blöd
und am dritten peinlich sind.
Spätestens am zwölften landen sie auf dem Müll.
Für einen kurzen Moment der Unterhaltung
(dies trifft vor allem auf für speziell auf Weihnachten spezifizierte Produkte zu)
rechtfertigen wir den Gebrauch von Materialien,
deren Auswirkungen sich noch über Generationen erstrecken wird.
Annie Leonhard fand in ihrem Film „The Story of Stuff“ heraus,
dass von den zur Weihnachtszeit gekauften Produkten,
sechs Monate nach ihrem Kauf
nur noch 1% dieser Produkte
in Gebrauch ist.
Selbst die Waren, von denen wir erwartet haben,
dass sie langlebig sind,
werden entweder durch Abnutzung bzw. schnelles „kaputtgehen“
oder dadurch, dass sie schlicht und ergreifend unmodern geworden sind,
der Zerstörung preisgegeben.
Seit ich denken kann,
gehört für mich das Schenken zu Weihnachten dazu.
Und doch muss ich mir selbst eingestehen,
dass es irgendwie überholt ist.
Erst gestern quälten wir uns wieder durch die Einkaufsmeile
der Stadt, um „schnell noch“ ein
möglichst nützliches, aber auch schönes Geschenk
für unsere Eltern zu finden.
Dabei sagte mein Liebster zu mir:
„Wir sollten beschließen uns nichts Materielles mehr zu schenken“.
Wieviel wertvoller und befriedigender ist doch die gemeinsame Zeit,
die man sich selbst und seinen Lieben widmet.
Das bleibt in Erinnerung, das lässt das Herz strahlen.
Obwohl die Kinder groß sind,
setze ich mich noch immer diesem Druck aus,
möglichst viele, passende Geschenke zu finden.
Luisa Francia schreibt dazu in ihrem Internettagebuch Salamandra :
Deine Geschenke kann ich mir nicht leisten, sagen die klugen Menschen in Westafrika, die genau wissen, dass mit jedem Geschenk auch ein Anker ins Leben der Person geworfen wird und womöglich ein Rück-Geschenk fällig wird, um die guten Beziehungen zu erhalten.
Mein Motto für Geschenke:
Iss es, trink es, verbrauch es oder vergiss es!
(Quelle: www.salamandra.de, Luisa Francia)
Weise Worte, Frau Francia
Nun hat natürlich jede Medaille zwei Seiten.
Zum einen ist es wirklich ziemlich idiotisch ,
krampfhaft Materielles käuflich zu erwerben,
weil wir glauben, das muss so.
Wir glauben, es wird von uns erwartet.
und nicht selten wissen wir schon im Vorhinein,
dass wir von Partnern, Eltern, Freunden und Kindern beschenkt werden.
An dieser Stelle greift dann dieses nicht zu unterdrückende seltsame Gefühl,
ein „Rückgeschenk“ erbringen zu wollen oder gar zu müssen.
Andererseits kann Schenken auch etwas sehr Schönes sein.
Ich verschenke am liebsten Bücher.
Nicht nur zu Weihnachten.
Ich verschenke sie immer und bei jeder Gelegenheit.
Die Anzahl an Büchern, welche sich meine liebe Freundin Sabine und ich uns hin und her schicken,
kauft sich so mancher das ganze Jahr nicht.
Ich habe mir kürzlich mal den Spaß gemacht und gezählt,
wie viele Bücher ich mir in den letzten 12 Monaten zugelegt habe.
Ich kam auf 48.
Das sind nur die, die ich selbst erworben habe.
Noch nicht mitgezählt sind die geschenkten und die verschenkten.
Natürlich bin ich da kein Maßstab,
da ich ein Büchernarr bin.
Spätestens beim Umzug werden sie zur Last,
allerdings einer,
die ich gern auf mich nehme.
Ich liebe Bücher.
Ich verschenke sie gern aus mehrerlei Gründen.
Sie sind unkompliziert zu besorgen.
Sie sind leicht und schön zu verpacken.
Und sie machen Sinn.
Mit Büchern verschenke ich Glück auf Papier,
ich verschenke damit Mußestunden
und Entspannung,
Momente des Abtauchens in andere Welten, Geschichten und Leben.
Ich verschenke Inspiration,
Träume
und
Hoffnung.
All das steckt in Büchern.
Sie können uns auf eine Art bereichern,
wozu kein anderes materielles Gut oder Geld fähig ist.
Und das Beste daran ist:
man kann sie weiterverschenken,
oder zum Bücherbasar bringen,
oder an soziale Einrichtungen spenden.
Für mich wird Weihnachten immer einen hohen Stellenwert behalten.
Das Fest als solches, das Zusammensein mit Freunden und Familie
und auch das Schenken.
Allerdings messe ich dem letzteren immer weniger Bedeutung bei.
Ich schenke auch ohne Anlass, immer dann wenn mir danach ist
und ich anderen eine Freude machen möchte.
Ich verschenke immer mehr das,
was für mich Sinn macht.
Meiner liebsten Freundin zum Beispiel
ein Gutschein für ein gemeinsames Frühstück.
Und natürlich die oben erwähnten Bücher.
Mag sein, dass das bei dem einen oder der anderen keinen Unterschied macht,
was den Konsum anbelangt.
Ich glaube, es kommt auch immer auf das Maß dessen an,
was wir aus dem WeihnachtsGeschenkeWahnsinn machen.
Ordnen wir uns ihm unter?
Passen wir uns den Erwartungen der anderen und somit
der großen Masse an?
Oder macht es uns nichts aus, aus der Reihe zu tanzen
und die Dinge anders anzugehen?
Nehmen wir uns die Zeit,
einmal länger darüber nachzudenken,
wen wir mit der ganzen, zum Teil sinnlosen, Schenkerei
eigentlich beeindrucken wollen,
was wir ausgleichen und kompensieren wollen.
Allerorten lese und höre ich,
dass ZEIT das schönste und wichtigste Geschenk ist,
was wir anderen machen können.
Angefangen bei unseren Kindern,
über unsere Partner,
Eltern, Freunde und nicht zuletzt
die alte Dame in der Nachbarschaft,
die immer unsere Pakete
in Empfang nimmt,
weil wir im Hamsterrad unsere Runden drehen
und die ganze Woche nicht daheim sind.
ZEIT ist das, was ich jedem von uns wünsche,
ZEIT für sich selbst und die anderen,
ZEIT die Dinge ruhen zu lassen und sie ihrem eigenen Tempo zu überlassen.
Wir können und sollten nicht mehr vom Tag verlangen als er Stunden hat.
Wir sollten uns Gedanken darüber machen, was wirklich, WIRKLICH wichtig ist in unserem Leben.
Für jeden selbst.
Und für jeden ist es etwas anderes.
Ich sage lieber eine „schnell-noch-vor-Weihnachten-dazwischen-gequetschte-Verabredung“ ab
und versinke mit meinem Liebsten und einer Flasche Wein auf der Couch,
höre ihm zu
und lass den Haushalt Haushalt sein.
Ein anderer trifft sich mit Freunden,
der nächste geht mal wieder in die Kirche,
oder einfach spazieren,
oder bastelt mit seinen Kindern Weihnachtssterne.
Ich wünsche Euch eine gute Zeit,
eine Zeit, die Euch erfüllt und glücklich macht,
allein oder mit Euren Lieben.
Ich wünsche Euch Wärme, Geborgenheit und Zufriedenheit
in diesen Tagen und darüber hinaus.
Herzliche Weihnachtsgrüße von Frau Schmidt
(C) Photo by myself