~NovemberBlues~
Mein Email Provider
scheint mich gut zu kennen.
Im Posteingang prangt der Betreff:
Ihr GlücksCode lautet: DL3XR7
So leicht ist das also das glücklich werden.
Nimm einfach an dem Gewinnspiel teil und
los geht`s.
Zur Auswahl stehen einige Tausend Euro in bar,
eine Traumreise,
elektronische Apfelprodukte
und sogar ein Pralinenworkshop.
Wobei ich mir bei diesem
schon am ehesten vorstellen kann,
so etwas wie Glückseligkeit zu empfinden.
Schließlich gibt es da Schokolade
und man lernt vielleicht sogar
noch interessante Menschen kennen dabei.
Wie steht´s um unser Glück?
Was macht uns glücklich?
Wenn mir diese Fragen gestellt werden,
fällt mir dazu als allererstes ein,
dass der Glücksbegriff als solches
ganz schön überstrapaziert ist.
Ich glaube, dass es ein menschliches Grundbedürfnis ist,
glücklich zu sein und danach zu streben.
Wer ist schon gern freiwillig und aus eigenem Antrieb heraus
unglücklich?
Und doch ist Glück
beziehungsweise das,
was der Mensch darunter versteht,
für jeden Einzelnen etwas anderes.
In dieser Pseudo-wir-sind-alle-glücklich-Zeit,
basteln wir täglich an unserem AntiAgingSuperBody,
verbringen unsere Freizeit mit hippen PseudoFreunden
(denn ein glücklicher Mensch hat nunmal viele Freunde)
und lächeln und affirmieren unsere Befindlichkeiten einfach weg.
Ich weiß, das klingt gerade alles sehr allgemein –
aber genau das ist es doch, was uns suggeriert wird.
Jaja, die bösen Medien.
Täglich wird drüber geredet und geschrieben,
sich den Vorgaben dieser nicht zu unterwerfen
und doch steckt es in jedem von uns.
Wieviel Zeit verwenden wir
auf Recherchen und Aktivitäten
um immer wieder neue Wege zu finden
mit dem perfekten Äußeren zu glänzen.
Und damit meine ich nicht nur das Aussehen,
sondern auch Dinge
wie unseren Stand im Kollegen-, Freundes- und Familienkreis.
Wir sind bemüht,
die Fassade des perfekten Lebens
zu pflegen und zu zeigen,
verbergen gern die kleinen und großen Risse
in unserem Alltag,
gestehen uns unsere eigenen Schwächen
nur selten ein –
aber warum eigentlich?
Weil es sich nicht schickt,
auch mal schlecht gelaunt zu sein?
Weil Frau/Mann von heute
immer lächelnd, tiefenentspannt, ausgeruht
und vor Aktionismus strotzend wie ein Flummi durch
den mit wichtigen Terminen ausgefüllten Tag hüpfen muss?
Allerorten hören wir: Jeder hat mal einen schlechten Tag.
Aber wenn man/frau dann wirklich mal einen richtig miesen Tag,
ach was sag ich, eine miese Woche hat,
braucht er/sie auf gute Ratschläge nicht lange warten.
Aber es ist eben nicht nur die sogenannte schlechte Laune.
Was machen wir mit unliebsamen Gefühlen wie
Wut, Groll, Frustration, Agression, Angst, Zweifel?
Diese Gefühle sind auch da, mal mehr, mal weniger ausgeprägt.
Auch wenn einige Gurus und andere selbsternannte
„Die-Weisheit-mit-Löffeln-fressende Schönwetter- und Lebenshilfe-CoachingExperten“
uns erzählen wollen, man könne das alles weg-meditieren, weg-therapieren, weg-hypnotisieren,
weg-pilgern, weg-diäten und vor allem weg-reden.
Nun, es gibt sicherlich genug Gelegenheiten,
an denen all diese Formen der Lebenshilfe angebracht sind.
Aber eben nicht pauschal und vor allem ist es doch immer ganz individuell zu betrachten.
Da ich ein großer Fan von Authentizität und zu-sich-selber-stehen bin,
gebe ich an dieser Stelle ganz offen zu,
dass ich mich gerade in so einer Art
Frustrationsschleife befinde.
Der Körper kränkelt immer noch vor sich hin,
die Seele ergibt sich dem NovemberBlues,
obwohl dieser mein absoluter Lieblingsmonat ist.
Die „dunklen und unliebsamen Emotionen“
schwappen an die Oberfläche
und lassen sich eben nicht mit pseudo-spirituellem Hokuspokus
wegschieben.
Warum auch immer – JETZT sind sie da und fordern sich meine Aufmerksamkeit ein.
Das ist nicht gerade ein Spaziergang sage ich Euch.
Wenn frau immer die Samariterin unter den besonders gutmütigen Menschen war
und nun plötzlich mit ihrer dunklen, skorpionischen Seite konfrontiert wird,
kann schon mal die Luft brennen.
Nein, ich habe kein Patentrezept für solche Situationen.
Ich hab keine Ahnung, was man/frau gegen diese manchmal überwältigenden dunklen Emotionen tun kann.
Das Einzige was ich sicher weiß ist, sie werden wieder vorübergehen, aber eben nur dann,
wenn wir ihnen ihre Daseinsberechtigung lassen.
Denn sie kommen nicht von ungefähr und oft haben sie genau da ihren Ursprung
wo es besonders schmerzhaft ist,
da, wo keiner gerne anrührt.
Sei es in der Kindheit,
sei es eine quälende Erfahrung im Bezug auf andere Menschen
oder Situationen.
Die kleinen und größeren Brandherde und schmerzenden Wunden
sehen bei jedem von uns anders aus.
Genauso hat jeder eben seine ganz eigene Art damit umzugehen.
Ich für meinen Teil
ziehe mich dann gern zurück,
bin allein mit mir selbst.
Natürlich ist es Balsam für die Seele,
wenn man/frau einen Menschen an der Seite hat,
der dich in solchen Momenten aushält und
neben und hinter dir steht.
Nicht immer war das so bei mir.
Allerdings hatte ich auch in meinen „Einzelkämpfer-Zeiten“
immer Menschen um mich,
bei denen ich ICH selbst sein konnte,
auch und vor allem in den
besonders dunklen Momenten des Lebens.
Und wenn ich daraus eins gelernt habe,
ist es die Tatsache,
dass es immer weitergeht.
Dass wir, egal wie wir uns gerade fühlen,
genau richtig sind und immer noch liebenswert.
Dass wir neben all die an uns gestellten Erwartungen
immer noch ganz normale Menschen sind,
mit ganz normalen Gefühlen und den
dazugehörenden gelegentlichen Ausrastern
und/oder nervlichen Ausnahmezuständen.
Wenn mich jemand fragen würde,
was in solchen Momenten zu tun ist,
dann würde ich antworten:
Gar nichts!
Aushalten!
Und vor allem annehmen, dass es ist wie es ist.
Auch die vermeintlich „negativen“ Gefühle und Emotionen gehören zu Dir,
auch die dunklen Abgründe und die bitteren Gedanken!
Warum auch nicht?
Hat nicht alles zwei Seiten?
Um mit den Worten meiner Mentorin und Freundin zu sprechen:
„Wer will schon jeden Tag süßen Brei?“
Kommt gut in den November,
Eure Frau Schmidt
(C) Photo by myself