~ Farben der Erinnerung ~

11. März 2022 Texte 10
~ Farben der Erinnerung ~

Ihre Lieblingsfarbe war gelb.
Egal ob Rosen, Tulpen oder Chrysanthemen.
Und am meisten freute sie sich, wenn ich Ihr im Frühling gelbe Freesien mitbrachte.
Wahrscheinlich habe ich auch deshalb ständig gelbe Blumen in der Wohnung, sie erinnern mich an sie.

Bald jährt sich ihr Todestag zum siebten Mal, und im kommenden November wäre sie 96 geworden.
Was für ein Alter!
Sechsundneunzig!
Das ist fast HUNDERT!
Einen Krieg hat sie miterlebt, acht Jahre nach Ende des ersten Weltkrieges wurde sie geboren – auf dem Land, in einer Bauernkate.

Zu Beginn des zweiten war sie gerade mal dreizehn und hat im Laufe der Kriegsjahre Schreckliches erleben und ansehen müssen.
Ich frag mich oft in diesen Tagen, was diese völlig aus den Fugen geratene Welt mit ihr machen würden, wenn sie noch lebte.
Ob die Erinnerungen wiederkämen, sie nachts nicht schlafen ließen.
Ich sehe ihren fragenden Blick vor mir, ihr ungläubiges Kopfschütteln über die grenzenlose Dummheit der Menschen, die Gier, die Machtgelüste und irrationalen Entscheidungen.
Und zum ersten Mal denke ich: Es ist gut, dass sie das nicht mehr ertragen muss.
Es ist gut, dass sie diese Bilder nicht mehr sieht beim allmorgendlichen Blick in die Zeitung oder der abendlichen Tagesschau.
Es ist gut, dass sie nicht mehr erinnert wird, an das, was sie und tausende andere schmerzlich zu spüren bekommen haben.
Sie war mein SeelenMensch, unsere Verbundenheit fühlte sich auf eine zutiefst wahrhaftige Art absolut sicher an.
Sieben Jahre nun schon bin ich ohne sie.
Daran gewöhnen werde ich mich nie, auch wenn ich weiß, dass es normal ist, dass alte Menschen sterben.
Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke.
Manchmal spreche ich mit ihr, lautlos und in Gedanken.
Das Foto, auf dem sie mich als Dreijährige an der Hand hält, steht neben meinem Bett.
Sie ist immer bei mir.
Ich hatte in den vergangenen Jahren wieder und wieder gehofft, sie würde mir irgendein Zeichen geben, dass sie mich sieht, dass sie mich nicht vergessen hat.
Was liest man nicht die unglaublichsten Berichte im Netz und in Büchern von Verstorbenen, die sich in allen möglichen Formen bei ihren Hinterbliebenen bemerkbar machen.
So oft habe ich um ein Zeichen von ihr gebeten, aber nichts geschah.
Oder ich hab die Zeichen nicht gesehen.
Oder aber, ich schaue an der falschen Stelle, in die falsche Richtung – nach außen.
Denn in mir drin, in meinem Denken, meinem Fühlen ist sie so präsent.
Sie ist die Frau, die mich geprägt hat.
Sie ist die Frau, die mir bedingungslos ihre Liebe und Zuwendung schenkte, der ich nie zu viel war.
Sie ist die Frau, ohne die ich nicht die wäre, die ich heute bin.

Und immer wenn ich gelbe Blumen sehe, rieche, fühle, sie in mein Zuhause hole – ist sie ganz nah bei mir.
Dann sehe ich ihren lieben fürsorglichen Blick und ihre warmherzigen Gesten.
Wie sie mich ganz genau ansieht, wenn ich erzähle, weil sie so schlecht hört.
Wie sie am Herd steht und ApfelBeignets für mich backt.
Wie sie langsam neben mir gehend ihren Rollator schiebt, sich alle paar Meter hinsetzt und ausruht.
Wie ihre Augen und Gedanken dann auf Wanderschaft gehen, an Orte, Zeiten und Menschen, die nur noch in ihrer Erinnerung existieren.
Wie ich dann ihren Blick verfolge, wenn sie da so sitzt und versucht, wieder zu Atem zu kommen.
Oft habe ich mich in diesen Momenten gefragt, wo ihre Gedanken hinfliegen.
Zu Opa? Zu ihrer Mutter? Zu längst vergangenen süßen Sommertagen, an denen die Arbeit schwer, aber das Leben doch irgendwie tiefer und friedvoller war?
Manchmal weine ich dann.
Einfach weil mein Herz überläuft.
Weil ich sie so unsagbar vermisse.
Weil ich die Zeit um ein paar Jahre umkehren möchte um sie noch so viel zu fragen, ihre Hand zu halten und einfach nur in ihrer Küche zu sitzen und über das Leben zu reden.
Und dann schmerzt mich der Gedanke, dass es eben so nicht funktioniert.
Dass das Leben nicht rückwärts gelebt werden kann, dass sich die Zeit nicht anhalten lässt und die Welt schon gleich gar nicht.
Aber auch, das Erinnerungen etwas sind, was immer in uns bleibt, wie ein Tattoo auf unserer Seelenhaut, tief eingraviert in unser Herz.
Sie sind vielleicht die Zeichen, nach denen ich mich sehne.
Und die gelben Blumen auf meinem Schreibtisch.


10 thoughts on “~ Farben der Erinnerung ~”

  • 1
    Diana am 12. März 2022 Antworten

    Danke meine allerliebste Marit für diese zauberhaften Zeilen… 🥰 Ich lese sie und mir rinnen die Tränen über die Wangen, weil wieder an meinen über alles geliebten Opa denken muss… DANKE 🙏

    • 2
      Frau Schmidt am 12. März 2022 Antworten

      Wenn ich mit meinen Worten berühren kann, ist das wundervoll! Umarme Dich!

  • 3
    Jana am 12. März 2022 Antworten

    Zauberschön 🕊

    • 4
      Frau Schmidt am 12. März 2022 Antworten

      Lieben Dank Jana 🙂

  • 5
    Grit am 12. März 2022 Antworten

    So schön geschrieben Marit. Kurz hatte ich das Gefühl, sie wäre auch meine Mama gewesen ❤️

    • 6
      Frau Schmidt am 12. März 2022 Antworten

      Danke Grit. Es freut mich zu lesen, dass ich nicht nur mir aus der Seele geschrieben habe!

  • 7
    Claudia am 12. März 2022 Antworten

    Frau Schmidt schreibt……
    über einen wunderbaren , mir sehr wichtigen Menschen den ich bei Facebook kenne, bin ich hier auf diese Seite gestoßen und ich bin tief berührt von diesen Zeilen !
    Mein Papa ist vor 13 Wochen gegangen – und diese Gedanken haben mich sofort zu ihm geführt. Egal ob 7 Jahre oder 13 Wochen – sie fehlen uns so sehr, diese Menschen die uns geprägt haben! So ganz tief drinnen sind sie immer bei uns und es gibt soooo vieles , was uns immer wieder an sie erinnert . Wie die gelben Blumen auf Ihrem Schreibtisch!

    • 8
      Frau Schmidt am 12. März 2022 Antworten

      Liebe Claudia, es berührt mich sehr, dass meine Worte vor allem in solchen schweren Zeiten wie nach dem Verlust eines geliebten Menschen vielleicht ein wenig Trost geben können. Es ist immer wieder die Verbundenheit, die man spürt, wenn man in seiner Traurigkeit darüber verstanden wird. Die Traurigkeit wird immer irgendwie da sein, egal wieviel Zeit vergeht. Aber wir haben unsere Erinnerungen, die uns all das tragen lassen. Und diese Erinnerungen sind es, die in uns weiterleben und uns Halt geben. Alles Liebe für Dich!

  • 9
    Helga am 14. März 2022 Antworten

    Mitten ins Herz…

    • 10
      Frau Schmidt am 15. März 2022 Antworten

      Danke liebe Helga!

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