~ Mensch, entspann Dich mal ~

25. März 2020 Texte 10
~ Mensch, entspann Dich mal ~

Ich habe wirklich, wirklich lange darüber nachgedacht, ob überhaupt und wenn ja, was ich zur Corona Situation schreibe.
Zum einen bin ich nicht der Weisheit letzter Schluss, auf deren Meinung die Welt gewartet hat und zum anderen bin ich derzeit einfach nur genervt.

Ich bin genervt von Klopapierwitzen, -sprüchen, -bildern, -statements,
Ich bin genervt von dem Verhalten einiger Leute in Supermärkten und auf der Straße,
ich bin genervt von Verschwörungstheoretikern und ihren unreflektierten, teilweise gefährlichen Meinungsäußerungen,
ich bin genervt von auf-die-Regierung-Schimpfern (haltet einfach die Klappe, seid froh und dankbar, dass ihr in Deutschland lebt und hier noch in den Genuss eines immer noch recht gut funktionierenden Gesundheitssystems kommt und tut das nächste Mal Eure verdammte Bürgerpflicht und wählt NICHT die AfD – da wären wir jetzt nämlich ganz schön am Arsch!)

Ihr merkt – ich bin WIRKLICH genervt!

Du kannst nirgendwo mehr hingehen, kein Gespräch mehr führen, ohne dass es um den Virus geht.
Versteht mich bitte nicht falsch.
Natürlich ist das gerade Thema Nummer 1 und natürlich geht es uns alle an, also auch mich.
Und natürlich ist die Situation angespannt und ernst, das geht auch an mir nicht vorbei.

ABER:

Ich lebe noch! Ich bin nicht infiziert! Ich kenne keinen/keine der/die sich infiziert hätte!
Ich weiß von niemandem aus meinem näheren Arbeits-, Wohn- oder Kontaktumfeld, der/die unter Quarantäne stünde.
Ich beobachte die ganze Situation nur von Weitem, durch die Medien.
Ich bin mir ziemlich sicher, sehr vielen anderen geht es ganz genauso.
Wir und unsere Lieben sind selbst nicht betroffen, wir haben genug zu essen und zu trinken, Wasser kommt aus dem Wasserhahn, der Strom funktioniert, die Heizung auch, wir können noch immer jeden Tag einkaufen gehen und bekommen tatsächlich auch noch mehr als genug.
Der Sprit ist so günstig wie seit Jahren nicht mehr, die Sonne scheint und der Kaffee schmeckt.
Ich frage mich ganz ehrlich und sehr ernsthaft, ob es typisch mensch oder typisch deutsch ist, sich andauernd über Sensationsgeilheit und Hysterie zu definieren.
Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin weder uninteressiert, noch blauäugig oder unbedarft naiv.
Ich möchte auch keineswegs politisieren, polemisieren oder schönreden – auch nicht kleinreden.
Aber können wir bitte einfach mal wieder normal werden und aufhören, uns jeden Tag in diesen CoronaHype zu stürzen?
Die Situation ist wie sie ist, sie und ihre Auswirkungen werden uns noch jahrelang begleiten, wir werden vor völlig neue Herausforderungen gestellt werden und unser Leben muss und wird sich teilweise radikal ändern.
Wäre es nicht sinnvoller, darauf seine Energie und Aufmerksamkeit zu richten, anstatt immer nur zu lamentieren, Sprüche zu klopfen und sich im Supermarkt zu verhalten, als würde in den nächsten Tagen die Apokalypse losbrechen?
Ich habe das große Glück einen Job zu haben, der mir noch nach wie vor meinen Lebensunterhalt sichert, der einzige „Nachteil“ den ich gerade zu spüren bekomme ist, dass ich nun zu 100% von zu Hause aus arbeiten muss.
Was für eine Katastrophe!
Ganz ehrlich?
Es gibt Schlimmeres!
Ich sehe jeden Tag meine Liebsten, ich muss nicht 60 km zur Arbeit fahren und schone mein Auto und mein Konto damit und ich habe dadurch natürlich um Einiges weniger Stress.
Natürlich fehlen mir meine Mädels und Jungs aus dem Büro, sehr sogar und ich freue mich schon jetzt wieder auf einen normalen BüroAlltag.
Und genau das, wovon ich Euch gerade berichtet habe sind Luxusprobleme Leute!

Der Punkt ist doch, dass es den meisten von uns so geht!
Wenn wir nicht gerade selbstständig, freiberuflich oder künstlerisch unterwegs sind, dann frage ich mich warum wir so einen Affentanz veranstalten?
Ja, ich kenne Gastronomen, Inhaber von Friseursalons und Kosmetikstudios, allen voran mein Mitbewohner, der ein 1-Mann-Unternehmen betreibt – diese Menschen haben Grund sich den Kopf zu zermartern und sich Sorgen zu machen.
Aber bitteschön dem Großteil von uns geht es doch wirklich gut – mit oder ohne CoronaMassenHysterie!

Wäre es da nicht angebracht aus dieser Position heraus in solchen Zeiten mal ein wenig die Bälle flach zu halten?
Nicht schon jetzt Horror-Szenarien auszumalen, die (mit ziemlicher Sicherheit) niemals Realität werden?
Wäre es nicht schön, in so aufgeregten Zeiten ein wenig Normalität zu verbreiten und zu vermitteln, auch ohne große Freundes- oder Familientreffen?
Ist es nicht auch eine Wohltat, mal wieder Zeit für uns selbst zu haben, ohne permanent irgendwelche Verpflichtungen oder Verantwortlichkeiten wahrnehmen zu müssen? (Die Mütter mit ihren Klein- und halbwüchsigen Kindern mögen mir verzeihen – genau die haben jetzt tatsächlich richtig Stress)
Andererseits hätte ich mir vor Jahren noch sehnlichst gewünscht, einfach mehr Zeit für meinen Sohn zu haben, nun ist er erwachsen und braucht die Mama nicht mehr (jeden Tag um sich).
Ist es nicht herrlich, nun all die (teilweise unliebsamen) Dinge tun zu können, die wir gerne so oft und so lange vor uns herschieben?
Unterlagen sortieren, Steuererklärung machen, Keller/Dachboden ausmisten (Kunststück – ich bin gerade umgezogen), Fenster putzen, Kleiderschrank sortieren…
Aber auch die, für die wir scheinbar nie die Zeit finden, weil wir ja ach so gestresst sind von unserem Leben, wie Pflanzen umtopfen, Garten/Balkon schön machen, Bücher lesen, Filme schauen, Marmelade kochen, Socken stricken, malen, Gedichte schreiben, Musik machen, Karten/Schach/Sonstiges spielen, neue Rezepte ausprobieren, indem man einfach mal das verarbeitet, was ganz hinten im Vorratsschrank oder Keller steht, anstatt gleich Nachschub im nächsten Penny zu besorgen…
Nein – ich möchte die Situation nicht herunterspielen und so möchte ich auch keinesfalls gelesen und verstanden werden.
Für manch einen ist es sehr ernst und wie schon geschrieben, steht einem meiner liebsten Menschen dadurch das Wasser bis zum Hals, weil einfach die Aufträge zu 98% von einem Tag auf den anderen weggebrochen sind.
Aber das, was ich an ihm und seinem Umgang mit dieser existenziell bedrohlichen Lage so bewundere, ist die Tatsache, dass er nicht ausflippt, dass er die momentane Situation erstmal so akzeptiert wie sie ist, da er sie einfach nicht ändern kann!
Und wenn ich eine Situation nicht ändern kann, weil es schlicht und ergreifend nicht in meiner Macht steht, kann ich mich nur in Vertrauen üben – in Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten, in Vertrauen in die Zukunft und in die Tatsache, dass wir nach wie vor in einem der reichsten Länder der Welt leben und es für uns immer, immer, immer irgendwie weitergeht.

Ich stelle seit einigen Tagen bei mir eine nie da gewesene, absolute GrundEntspannung fest.
Weniger gestresst aufgrund fehlender Aktivitäten außerhalb des eigenen Zuhauses und permanenten unterwegs seins, hat sich mein Schlafverhalten ungemein gebessert, ich schlafe durch, wache ohne Wecker zur gewünschten Uhrzeit auf und hüpfe aus dem Bett wie ein junges Reh.
Ich rauche sehr viel weniger, koche jeden Tag frisch für mich und meine Mitbewohner und habe (steinigt mich jetzt bitte nicht) wirklich, wirklich echte Freude am (normalen) Alltagsleben.
Vielleicht auch gerade aufgrund der derzeitigen Situation.
Wenn uns jeglicher Aktionismus im Außen, aus welchem Grund auch immer, verwehrt wird, sind wir nun mal auf uns selbst zurückgeworfen. Dann geht es ans Eingemachte, dann können wir nicht mehr weglaufen (vor unserem Partner, unseren Kindern, uns selbst und unseren Dämonen, sofern uns welche plagen)

Mag sein, dass dieses innere Wohlbefinden auch daher rührt, dass ich eh vor knapp drei Monaten mein Leben völlig auf den Kopf gestellt habe (O-Ton eines Menschen, der mich schon sehr lange sehr gut kennt: Marit, Du brauchst es aber auch immer irgendwie kompliziert, oder?)
Aber wisst Ihr was?
Für mich fühlt es sich sowas von überhaupt nicht kompliziert an!
Nun gut, es ist vielleicht etwas anstrengend, wenn man einmal getroffene Entscheidungen kurze Zeit später völlig umwirft und sich genau in die andere Richtung orientiert.
Es ist auch immer wieder eine Herausforderung, sich den (teilweise ungebetenen) Fragen meiner Mitmenschen zu stellen, warum ich gewisse Dinge so und nicht anders, sprich angepasster und sozial verträglicher, handhabe.
Es bedarf immer wieder einer gewissen Selbstakzeptanz, dass ich nun mal ein unbequemer Mensch bin, der selten Dinge so tut, wie sie andere (gerechtfertigter- oder eher ungerechtfertigterweise) erwarten oder sogar voraussetzen.
Es geht auch ganz schön ins Geld, innerhalb von 3 Jahren 3 mal umzuziehen.
Aber irgendwie glaube ich, braucht es eben manchmal ein paar Sackgassen oder zumindest Umwege, damit alles, oder wenigstens doch vieles, an den richtigen Platz rückt.
Und selbst das bedeutet nun keinen Stillstand.
Mein Leben und das von uns allen, ist immer in Bewegung.
Dagegen können wir gar nichts tun, auch wenn wir uns momentan noch so ausgebremst fühlen.
Und deshalb müssen wir uns auch keine Sorgen machen, zumindest doch keine unnötigen und übertriebenen.
Eins ist sicher:
Es geht immer weiter!
Es gibt keine wirkliche Stagnation, keine Unabänderlichkeit!
Das Einzige was wirklich beständig ist, ist der Wandel, ist die Veränderung!
Wir wachsen durch Veränderung, wir entwickeln uns weiter durch sie.
Ob uns das nun schmeckt oder nicht, ob wir sie selbst herbeigeführt haben oder in Form von äußeren Einflüssen (wie z.B. einer Pandemie) damit konfrontiert sind.
Und wenn wir alle etwas entspannter im „Hier und Jetzt“, anstatt permanent völlig verspannt im „Wenn und Aber“ leben würden, wie es Rüdiger Dahlke so schön formuliert hat, dann müssen wir auch keine Angst vor der Zukunft haben.
Ich bin absolut davon überzeugt, dass für uns gesorgt ist, nicht nur im materiellen Sinne.
Ich habe die tiefe Gewissheit, dass wir keine große Endzeitkatastrophe erleben werden, dass wir (wieder) entdecken, wie befriedigend es sein kann, sich gegenseitig zu helfen, zu unterstützen, füreinander da zu sein.
Dass wir echte menschliche Kontakte ganz neu und intensiv schätzen werden, uns weniger in der Anonymität der sozialen Medien verkriechen, sondern wieder authentische Begegnungen zulassen können.
Ich wünsche mir, dass wir wieder mehr auf unseren Nachbarn schauen, einfach mal klingeln und fragen, ob wir ihm was aus dem Supermarkt mitbringen können oder eine Tasse Kaffee mit ihm trinken.
Ich wünsche mir, dass wir ein wenig von unserem hohen Ross der Selbstverständlichkeit runtersteigen, dass uns immer alles sofort und in vollem Umfang zustehen würde – Lebensmittel, Medikamente, Wasser, das Dach über dem Kopf, sonntags geöffnete Supermärkte.
Ich wünsche mir, dass wir endlich mal wieder erkennen, dass eben genau diese Dinge für so viele Menschen auf der Welt sowas von überhaupt nicht selbstverständlich sind, dass wir aufhören, uns wie verwöhnte, nörgelnde Rotzgören zu benehmen, weil wir Angst haben, aus unserer gut gesicherten Wohlstandshängematte gestoßen zu werden (würde manch einem gar nicht so schlecht bekommen).
Ich wünsche mir, dass es keine gestelzten Dankesreden oder Klatschorgien braucht, um anzuerkennen, was manch einer jeden Tag für einen harten Job erledigt, ich wünsche mir, dass sich Anerkennung, Wertschätzung und adäquate Bezahlung nicht nur auf die lukrativen Berufszweige wie Banken, Versicherungen und Managementebenen auswirkt, sondern eben gerade auf solche, die dem Menschen und seinem Wohlbefinden dienen (Krankenschwestern und -pfleger, AltenpflegerInnen, KassiererInnen, MüllfahrerInnen, Reinigungskräften, KellnerInnen, BerufskraftfahrerInnen…), eben solchen, die ganz oft mehr als 8 Stunden täglich und leider nicht selten zum Mindestlohn arbeiten.
Warum eigentlich bekommen diejenigen, die am härtesten arbeiten, den geringsten Lohn??
Ich wünsche mir, dass wir ALLE begreifen, dass es uns nicht zusteht, über Menschen und deren Gründe zur Flucht zu urteilen, solange sich hier in diesem reichen Land um Toilettenpapier und Seife geprügelt wird!

In diesem Sinne Ihr Lieben, bleibt gesund und achtet gut auf Euch!
Ich gehe heute noch zur Blutspende und anschließend werde ich mal wieder einen Kuchen backen – da habe ich echt Lust drauf.

 

Eure Frau Schmidt

 

(C) Photo by Pinterest

 


10 thoughts on “~ Mensch, entspann Dich mal ~”

  • 1
    Franz am 25. März 2020 Antworten

    Ein wirklich sehr schöner Text, aufrüttelnd und zugleich beruhigend und auf jeden Fall sehr wahr.

    Liebe Grüße

    • 2
      Frau Schmidt am 25. März 2020 Antworten

      Hey Franz, schön von Dir zu lesen und lieben Dank für Dein Feedback, freue mich sehr darüber!

  • 3
    Helga am 25. März 2020 Antworten

    Besser kann man es nicht sagen!!!

    • 4
      Frau Schmidt am 25. März 2020 Antworten

      Ja, ich liebe klare Worte Helga. Ich danke Dir für Deinen Kommentar! Liebe Grüße!

  • 5
    Jana am 25. März 2020 Antworten

    Liebe Marit, ein Text wie er mir in dieser Zeit gerade recht unterkommt. Zauberschöne entspannte Momente dir und für deinen Mitbewohner in Kürze einen guten Neustart.

    • 6
      Frau Schmidt am 26. März 2020 Antworten

      Ganz lieben Dank Jana, auch Dir alles Gute!

  • 7
    Anita Weishaupt am 26. März 2020 Antworten

    Für mich der beste Text zu diesem Thema ,DANKE dafür
    Liebe Grüße

    • 8
      Frau Schmidt am 30. März 2020 Antworten

      Ich danke Dir sehr Anita!

  • 9
    Elke am 27. März 2020 Antworten

    Wie immer brillant geschrieben.

    Irgendwie hat es mir dieser Satz angetan: Es ist auch immer wieder eine Herausforderung, sich den (teilweise ungebetenen) Fragen meiner Mitmenschen zu stellen, warum ich gewisse Dinge so und nicht anders, sprich angepasster und sozial verträglicher, handhabe.

    Kenne ich irgendwoher. Alles Liebe auf deinem Weg weiterhin.

    • 10
      Frau Schmidt am 30. März 2020 Antworten

      Vielen Dank Elke!

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